Der gescheiterte Ausflug

Manchmal ist es schwer für Pflegeeltern, ihre Pflegekinder zu verstehen. Aus heiterem Himmel schlägt ihre Stimmung um, sie machen einen riesigen Zirkus und verkriechen sich. Das erleben wir heute.

Es ist ein schöner Sonntag, sonnig und frühlingshaft warm.

„Warum wollen wir heute nicht mal eine Radtour machen?“, regt Ruth beim Frühstück an. „Wir waren so lange nicht mit dem Fahrrad im Wald. Dann machen wir ein Picknick und lassen es uns so richtig gut gehen!“

„Au ja“, freut sich Susann und auch Jeannett strahlt. Alle freuen sich auf das Ereignis.

Nach dem Frühstück werden Brote geschmiert, Bouletten und Obst zusammengepackt. Auch Getränke werden mitgenommen. Jeder bekommt einen Fahrradkorb oder eine Satteltasche, damit wir das Gepäck verteilen können.

Eine Stunde später geht es los. Die Fahrradreifen sind aufgepumpt, das Flickzeug verstaut. Durch das Dorf hindurch geht es zum Waldrand und hinein in den Wald.

Wir sind kaum eine Viertelstunde gefahren, bergauf, bergab, über Baumwurzeln und an Lichtungen vorbei, da bleibt Jeannett unvermittelt stehen. Ihr Gesicht ist finster.

„Was ist denn los, Jeannett?“, fragt Ruth.

„Ich will nicht mehr. Ich bleib jetzt hier stehn.“

„Du hast dich doch auch gefreut!“, versuche ich, sie zu beruhigen. „Lass uns doch weiter fahren.“

Jeannett beginnt zu weinen. „Ich will nicht immer mit dem dummen Fahrrad fahren“, jault sie. Ihr Heulen steigert sich zu einem hysterischen Schreien und Kreischen. Sie kann keine artikulierten Laute mehr hervorbringen. Ihr Kopf wird rot, ihre Lippen und Augen schmal. Susann steht hilflos neben ihr, versucht sie, zu trösten. Vergeblich.

Ruth und ich werfen uns Blicke zu. Wir sind uns einig.

„Wir fahren jetzt zurück nach Hause“, entscheide ich. „Schade für uns alle. Es hätte so schön werden können.“

Aber Jeannett weigert sich, auf das Fahrrad zu steigen. So laufen wir, Jeannett in einigem Abstand und scheiend und kreischend durch das ganze Dorf, bis wir unser Haus erreicht haben. Glücklicherweise bekommt jeder mit, dass wir nicht Schuld sind an diesem Desaster.

Zuhause angekommen, sitzen Ruth, Susann und ich auf der Terrasse und lassen es uns mit einem Eiskakao gut gehen. Jeannett lehnt alles ab. Sie liegt auf dem Bett in ihrem Zimmer und hört nicht auf zu heulen.

So ist das mit traumatisierten Pflegekindern. War es eine Erinnerung, ein Flashback aus alten Zeiten, der ihre Trauer getriggert hat? Wir wissen es nicht. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass traumatisierte Kinder angenehme, harmonische Situationen nicht ertragen können. Sie kennen aus ihrer Kindheit nur Stress, der aus Todesangst herrührt. Fehlt dieses Körpergefühl, so stelle ich mir vor, müssen sie es bewusst hervorrufen. Das führt dazu, dass sie harmonische Situationen kaputt machen müssen, indem sie die mit den elterlichen Tätern gemachte Erfahrungen reinszenieren und auf die Pflegeeltern übertragen.

Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich mir die Frage, ob durch ihre leiblichen Eltern traumatisierte, vernachlässigte, bindungsgestörte Kinder überhaupt familientauglich sind. Vielleicht wäre es besser, sie in traumatherapeutisch orientierten Wohngrupen aufwachsen zu lassen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bis sie ihre Traumata bearbeitet haben und mit ihnen leben können.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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