Wieder Ärger mit der Schule

Traumatisierte Pflegekinder und Schule, das ist meist eine schlechte Mischung. Aber sie ist nicht zu umgehen. Deshalb müssen Pflegeeltern immer wieder auftauchen und die Lehrer daran erinnern, warum ihre Kinder so schwierig sind.

Susann ist in der fünften Klasse. Üblicherweise bekommen Fünftklässler die Aufgabe, die Schulanfänger in den ersten Klassen zu betreuen und sie in der Schule ankommen zu lassen. Sie bekommen ein Partnerkind, das sie besonders betreuen sollen. Susann ist überglücklich, so eine wichtige Aufgabe übernehmen zu dürfen.

Aber es kommt wie es kommen muss. Susann, die ihre Aufgabe in jeder Hofpause sehr ernst nimmt, „beschützt“ ihre kleine Patentochter. Da kommt ein Klassenkamerad der Kleinen, schubst sie und stellt ihr ein Bein. Susann kann nichts tun.

Aber sie fühlt sich verantwortlich. Sie sprintet los.

„Du Arschloch, ich krieg dich!“ brüllt sie über den ganzen Schulhof. Schließlich, nach einigen Runden und wildem Hakenschlagen erwischt sie den Übeltäter. Sie reißt ihn zu Boden und verpasst ihm eine Ohrfeige.

Inzwischen ist die Aufsicht führende Lehrerin herbeigeeilt.

„Wirst du wohl, du kleines Biest! Lass ihn los!“

Susann lässt von ihrem Opfer ab. Sie weint leise. Was hat sie nun verkehrt gemacht? Sie hat doch bloß ihre Freundin verteidigt!

„Sowas geht gar nicht!“, empört sich die Lehrerin. „Wo ist eigentlich das Blatt mit der Belehrung für den Ausflug? Warum haben ihn deine Eltern nicht ausgefüllt?“

Susann zieht ihn aus der Tasche. Sie hat vergessen, ihn uns zu geben.

„Naja.“, schnaubt die Lehrerin. „Nach dieser Veranstaltung, die du dir heute geleistet hast, nehm ich dich sowieso nicht mit. Du kommst in eine andere Klasse.“

Jetzt wird Susann aggressiv. Sie heult und schreit, so dass sich eine Gruppe von Schülern um sie bildet.

„Feigling, Feigling“, skandieren sie. Und „Keine Kloppe für Erstklässler!“

Da windet sich Susann frei. Sie rennt, was das Zeug hält, bis zum Schultor. Auf der Straße bleibt sie stehen. Die Klassenlehrerin, die Suann besonders mag, läuft ihr hinterher. Sie nimmt sie in den Arm, redet beruhigend auf sie ein, bis sie wieder in die Klasse mitkommt. Die Situation ist gerettet.

Ich sitze an diesem Nachmittag am Schreibtisch. Das Telefon klingelt. Es ist die Aufsicht führende Lehrerin.

„Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass Susann an dem Ausflug nächsten Dienstag nicht teilnehmen wird. Wir schließen sie von einer schulischen Veranstaltung laut Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmenverordnung aus. Die Klassenkonferenz hat das heute Nachmittag beschlossen. Susann ist gewalttätig.“

Und sie erzählt mir den gesamten Hergang aus ihrer Sicht.

Mir ist schon klar“, antworte ich, „dass Sie das Recht dazu haben. Aber Susann ist nicht gewalttätig. Sie war nur in ihrem Gerechtigkeitsgefühl verletzt.“

„Und dann muss sie einen Mitschüler verprügeln? Das geht so nicht“

„Ich will Susann nicht in Schutz nehmen,“, versuche ich zu erklären, „aber bedenken Sie doch mal, was sie in ihrem Elternhaus erlebt hat. Sie hat mit ansehen müssen, wie ihr Vater ihre Mutter immer wieder tätlich angegriffen hat. Und sie hat miterlebt, wie ihre Schwester sich immer wieder schützend vor sie und ihre Mutter gestellt hat. Man nennt es Flashback, wenn sie ähnliche Situationen erlebt und dann sich selbst vergisst. Ich bitte Sie, lassen Sie sich Ihre Entscheidung nochmal durch den Kopf gehen und bestrafen Sie das Kind nicht für seine Vergangenheit!“

Ein Moment Ruhe am anderen Ende. Dann eine ruhige, fast versöhnliche Stimme.

„In Ordnung, ich will es nochmal versuchen. Aber sie muss sich bei dem Schüler, den sie verprügelt hat, entschuldigen.“

Das ging nochmal gut. Dann spreche ich mit Susann über den Vorfall.

„Aber, Papa, ich war doch im Recht!“, wehrt sie sich.

„Susann, willst du mit auf den Ausflug?“, frage ich sie ernst.

„Ich darf doch sowieso nicht, das hat diese Lehrerin gesagt!“, resigniert sie.

„Doch, Susann, du darfst. Vorausgesetzt, du entschuldigst dich bei diesem Jungen.“

„Okey, mach ich“, verspricht sie mir.

Sie kuschelt sich an mich. „Du bist so lieb! Immer wießt du für Probleme irgend eine Lösung. Ich habe dich lieb.“

Am nächsten Tag ruft mich die Klassenlehrerin an und bestätigt: Susann darf mit fahren.

So ist Schule. Die Lehrer sehen eine Gewaltsituation, greifen sich den „Schuldigen“ und verhängen Sanktionen. Wie sollen sie wissen, welche Abgründe aus den Erfahrungen in ihrer Kindheit das Verhalten traumatisierter Kinder beeinflussen. Sie müssen Disziplin und gewaltfreies Verhalten herstellen. In Klassen mit bis zu 28 Schülern bleibt da wenig Zeit zum Überlegen.

Es sind diese Situationen, die unsere traumatisierten Pflegekinder immer wieder verwirren und verstören. Sie haben wenig von einer kontrollierenden Instanz in ihrer Persönlichkeit. Deshalb müssen Pflegeeltern sie immer wieder schützen, müssen erklären, Situationen entschärfen. Das gehört zu unseren wichtigsten Aufgaben.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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