Anruf der Lehrerin

Pflegeeltern sind es gewöhnt, Anrufe aus der Schule und Einbestellungen zu Elterngesprächen zu bekommen. Immer wieder müssen sie sich für ihre Pflegekinder rechtfertigen. Immer wieder versuchen sie um Verständnis zu werben. Nicht immer funktioniert es.

Heute bekommen wir einen dieser Anrufe.

„Hier ist Susanns Religionslehrerin“, meldet sich eine ruhige, nette Stimme. „Ich rufe wegen Susanns Verhalten im Unterricht an.“

„Susann hat heute eine Mitschülerin ins Gesicht geschlagen, einfach so. Sie hat geblutet und ich musste für längere Zeit den Unterricht unterbrechen.“

Warum hat sie sie geschlagen, möchte ich wissen.

„Ich weiß es auch nicht. Einfach so.“

„Und überhaupt stört Susann erheblich den Unterricht. Sie klettert auf Stühle, wandert durch die Klasse, hält die anderen vom Unterricht ab.“

Irgendwie fehlt mir der Glaube daran, dass die Lehrerin alles mitkriegt, was in ihrem Unterricht passiert. Susann erzählt mir, dass sie so reagiert wenn die Mitschüler sie provozieren und sie „Susannseuche“ nennen. Offensichtlich trauen sie sich im Religionsunterricht mehr als im regulären Unterricht.

„Wir haben die Möglichkeit, Susann aus dem Religionsunterricht zu enfernen und wir machen davon Gebrauch“, droht sie mir unverhohlen. Religionsunterricht gehört eben nicht zu den Pflichtfächern, aber Susann hat ihn immer gerne besucht.

Es nützt nichts. Wir melden Susann vom Religionsunterricht ab. Susann ist etwas traurig; ist es doch für sie eine weitere Erfahrung, die ihr zeigt, dass sie mit ihrer Krankheit nicht akzeptiert wird. Wir beschließen, dass sie statt dessen am Wochenende die Zeit darauf verwenden wird, Mathematik zu üben.

Wir empfinden die Handlungsweise der Religionslehrerin als eine besonders perfide Art, sich unliebsamer Schüler zu entledigen. Susann hat Spaß am Religionsunterricht, auch wenn sie schwierig ist. Muss ausgerechnet die Religionslehrerin sich solcher Methoden bedienen, anstatt Susann so zu nehmen wie sie ist und sie einzubinden ins Unterrichtsgeschehen?

Wenigstens ihre Klassenlehrerin ist engagiert und verständnisvoll gegenüber Susann. Sonst könnten wir mit einer Klassenkonferenz und Förderausschusssitzung nach der anderen rechnen, in der man probiert, Eltern weichzuklopfen und sturmreif zu schießen für die Entscheidung, Susann auf einer Förderschule unterzubringen. Zu offensichtlich scheint es zu sein, dass Susann an einer Förderschule unterfordert wäre und hier nicht hin gehörte.

Susann ist nicht lernbehindert; sie ist sozialgeschädigt. Für solche Kinder gibt es leider keine Fördermaßnahmen oder Eingliederungshilfen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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