Gemeinsame Sache

Geschwisterkinder werden in Pflegefamilien gemeinsam vermittelt, „weil sie ja niemanden sonst als sich selbst haben“. Pflegeeltern von Geschwistern stellen immer wieder fest, besonders zu Anfang der Pflege, dass die Kinder sich gegenseitig stützen, auch gegen die Pflegeeltern verbünden. Was wir allerdings erleben, ist die verkehrte Form des Verbündens.

Wir kehren vom Einkauf zurück. Alle Türen stehen offen. Frau Sossna, die Familienhelferin, unterstützt heute die Kinder mit den Schulaufgaben. Als wir herein kommen, finden wir sie und die Kinder stehend am Wohnzimmertisch, vor sich ihre Handtasche.

„Ist was passiert?“, erkundigt sich Ruth.

„Kann man wohl sagen“, antwortet Frau Sossna. „Ich war nur eben draußen am Auto, um meinen Kalender zu holen. Als ich zurück komme, finde ich meine Handtasche offen. Das Portemonnaie fehlt.“

Die Kinder senken ihre Köpfe.

„Wo ist das Portemonnaie?“ frage ich scharf.

Jeannett verschwindet und kommt wenig später mit dem Portemonnaie wieder. Frau Sossna kontrolliert ihr Portemonnaie. Zwölf Euro bleiben verschwunden. Wir werden das Geld vom nächsten Taschegeld abziehen.

Die Sache hat sich, unserer Rekonstruktion nach, so abgespielt:

Frau Sossna geht zu ihrem Auto, um den Kalender zu holen. Das bekommen die Kinder mit. Jeannett stellt sich an die Eingangstür und schiebt Wache, während Susann das Portemonnaie aus der Handtasche holt. Jeannett kommt zurück und versteckt es in ihrem Zimmer.

Was wir heute erlebt haben, ist schon die Ausgeburt krimineller Energie. Natürlich besprechen wir die Sache mit den Kindern, aber die mauern. Es scheint, als ob der Rückfall in ihre alten, traumatischen Persönlichkeiten ausgerechnet zeitgleich stattgefunden haben und zusammengefallen sind.

Wir kennen keinen Weg, um solche Aktionen zu verhindern. Sie scheinen schicksalhaft über uns herein zu brechen. Auch andere, Pflegeeltern und Fachleute, mit denen wir reden, können uns nicht helfen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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