Eine vernünftige Lösung

Pfleltern haben die Pflicht, über Gesundheitsfragen des Alltags ihrer Pflegekinder zu entscheiden. Anders als leibliche Kinder aber sind Pflegekinder manchmal nicht in der Lage oder gewillt, Dinge zu verrichten, die ihrer Gesundheit dienen. Das betrifft in unserem Fall die Mundhygiene, also das Zähneputzen, das besonders wichtig ist, wenn sie eine Zahnspange tragen.

Heute ist Termin bei der Kieferorthopädin. Sie will sich einen eindruck über den Fortschritt der Behandlung und des Zustandes der Mundhygiene verschaffen.

Jeannett ist zuerst dran. Als die Ärztin ihr in den Mund schaut, verfinstert sich ihr Gesicht. Mit einer Sonde fährt sie über die Oberfläche der Zähne und zeigt ihr den Belag, den sie abgenommen hat.

„Jetzt sieh dir das mal an“, spricht sie Jeannett an, „wann hast du dir das letzte Mal die Zähne geputzt?“

„Heute morgen“, antwortet Jeannett verschämt.

„Das kann gar nicht sein“, ereifert sich die Zahnärztin. „Diese Belege sind mindestens drei Tage alt.“

Jeannett kneift ihre Augen zusammen. Sie hat keine Möglichkeit, gegen die Fachfrau und ihre Methoden anzukommen.

„Es gibt nur eine Möglichkeit“, wendet sie sich erneut an Jeannett, „du musst unbedingt deine Zähne putzen, wenn du die Zahnspange behalten willst. Willst du das überhaupt und kannst du mir das versprechen?“

Jeannett blickt vor sich hin und schüttelt den Kopf.

„So geht das nicht“, spricht mich die Medinzinerin an, „dafür kann ich keine Verantwortung übernehmen.“

Und nach einer langen Pause, wohl eine Antwort von Jeannett erwartend, zu mir gewandt:  „Wir brechen jetzt hier die Behandlung ab.“

Und zu Jeannett gewandt: „Du brauchst nicht mehr zu kommen.“

Dann untersucht sie Susann.

„Viel besser sieht es bei dir auch nicht aus, aber etwas besser. Ich schlage vor, dass wir die Behandlung für einen Monat unterbrechen. Das lässt sich auch verlängern. Dann machen wir eine neue Diagnose und du bekommst eine neue Spange.“

Das ist herb. Jeannett scheint es gar nicht zu berühren. Susann bekommt schon mit, dass sie noch einmal eine Chance bekommen hat.

Traumatisierte Kinder haben das Problem, dass sie an Regelmäßigkeiten nicht gewöhnt sind und sich sogar aktiv gegen notwendige Verrichtungen wehren, selbst, wenn sie wissen, dass es ihnen schaden kann. Die Disziplin aufzubringen, die das Tragen einer Zahnspange verlangt, ist eine nahezu nicht zu erfüllende Forderung. Sie leben in den Tag hinein und der Tag an sich beinhaltet so viele Anforderungen und Unsicherheiten, dass eine Zahnspange völlig dahinter zurück tritt.

Für Susann ist die Lösung eine Chance. Es ist vernünftig, ihr noch etwas Zeit zu geben, um sich zu entwickeln. Der Abbruch der Behandlung bei Jeannett ist zwangsläufig. Sie verweigert sich. Sie fühlt sich fremdbestimmt. Kein Therapeut der Welt würde unter dieser Voraussetzung eine Behandlung beginnen oder fortsetzen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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