„Totaloperation“

Sowohl verzweifelte Pflegeeltern als auch leibliche Eltern wenden sich manchmal an das Jugendamt, um spontan Hilfe zu bekommen. Leider ist die Hilfe der Jugendämter manchmal sehr wenig der Situation angemessen, sondern nicht an den Bedürfnissen in der Konfliktsituation orientiert.

Ein solcher Konflikt tut sich heute bei uns auf. Ich entdecke, dass mir 30 € aus meinem Portemonnaie fehlen. Susann gibt zu, dass sie es war. Ruth und ich sind ziemlich aufgebracht. Warum tut sie das immer wieder? Was können wir tun, um es zu verhindern?

Susann sitzt leise weinend in ihrem Zimmer, Jeannett ist bei ihr. Wir kennen die Gründe, die Tatsache, dass Susann sich wieder in ihrem anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil befindet und nicht mehr in ihrem traumatischen, emotionalen Persönlichkeitsanteil. Sie leidet unter ihrem eigenen Verhalten.

Also beschließen wir, jetzt das Jugendamt in die Pflicht zu nehmen. Wir rufen Frau Schilling an.

„Frau Schilling, wir sind hier in einer äußerst konfliktreichen, emotional aufgeladenen Situation“, erkläre ich ihr. „Susann hat uns zum wiederholten Male bestohlen, wir kennen die Gründe, aber wir sehen keinen Ausweg mehr. Wir brauchen jetzt und unmittelbar Hilfe.“

Stille am anderen Ende der Leitung. Dann ein Vorschlag, der uns die Haare zu Berge stehen läßt.

„Soll ich die Kinder in Obhut nehmen lassen?“

Wir sind geschockt. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir dachten daran, endlich eine Traumatherapie bewilligt zu bekommen, endlich und bereits morgen, durch die Möglichkeiten, von denen wir annahmen, dass sie das Jugendamt hätte.

Ich gebe zu, dass wir die Möglichkeit in Erwägung ziehen. Aber beide? Warum das? Gäbe es nicht die Möglichkeit, jetzt die beiden Kinder zu trennen, für Susann eine neue Pflegefamilie in der Nähe zu finden, damit beide Kinder sich nicht fortwährend gegenseitig triggern?

„Gäbe es nicht die Möglichkeit, dass Susann uns allein verlässt und in einer Pflegefamilie in der nähe untergebracht wird?“, schlage ich Frau Schilling vor“

„Nein, das geht nicht“, lehnt unsere Sachbearbeiterin schroff ab, „Die Kinder müssen zusammen bleiben. Das sind unsere Richtlinien.“

„Wir würden uns das gerne noch überlegen, können wir Sie innerhalb der nächsten halben Stunde nochmals erreichen?“, erkundige ich mich.

„Ja, ich erwarte Ihren Anruf“, bestätigt Frau Schilling.

Ruth und ich setzen uns zusammen. Der Streß steht uns ins Gesicht geschrieben, wir zittern.

„Das können wir nicht machen“, überlege ich. „Beide Kinder sind an uns gebunden, es würde einen erneuten Bindungsabbruch bedeuten. Wer weiß, was danach kommt. Ich finde es einfach unmenschlich.“

„Nico“, gibt Ruth zu Bedenken, „denk doch auch mal an uns. Wie lange wollen wir noch so leben? Ich kann das bald nicht mehr! Ich kann so nicht mehr leben. Ich fühle mich so hilflos!“

Ruth hat Recht. So geht es nicht weiter. Aber mir kommt eine weitere Idee.

„Ich rufe jetzt Eileen vom Pflegeelternverband an. Sie weiß bestimmt eine Lösung.“

Wir haben Glück und erreichen Eileen. Wir schildern ihr die Situation.

„Wenn ihr irgend könnt, behaltet die Kinder, mindestens für ein oder zwei Tage. Wir finden eine Lösung, ich versprech´s“, beschwört sie uns. „Wenn ihr die Kinder jetzt in Obhut gebt, könnt ihr sie genauso gut auf die nächsten Eisenbahngleise binden.“

Sie hat Recht. Also beschließen wir, dieses merkwürdige Angebot abzulehnen und Frau Schilling davon in Kenntnis zu setzen.

„Meinen Sie, Sie können mit der Situation umgehen?“, fragt sie uns. Wir bejahen diese Frage mutiger, als uns zu Mute ist.

„Wir müssen jetzt etwas tun“, dränge ich Ruth. „Lass uns ein Rollenspiel machen.“

Wir bitten Susann ins Wohnzimmer und setzen sie auf einen Stuhl. Jeannett und wir setzen uns um sie herum.

„Susann, wie viel Taschengeld hast du?“ erkundige ich mich.

„Dreißig Euro“ antwortet Susann bereitwillig.

„Stell dir vor“, fahre ich fort, „wir nehmen dier das Geld weg und teilen es uns auf. Jeder bekommt zehn Euro.“

„Und ich nehme dir dein rotes Sweatshirt weg, das du so magst“, legt Ruth drauf.

„Ich zerschneide dir dein Bettlaken“, meldet sich auch Jeannett.

„Ey, das dürft ihr nicht!“, protestiert Susann.

„Wie fühlst du dich jetzt?“, frage ich sie.

„Ihr seid die, die ich am meisten lieb habe“, gibt Susann zurück, „ich hätte das nie von euch gedacht!“

„Da hast du Recht“, stimme ich ihr zu. „Kannst du dir vorstellen, wie ich mich jetzt fühle?“

Susann blickt ernst zu Boden.

„Ich weiß nicht, warum ich sowas mache. Irgendwie bin ich dann nicht mehr ich selbst. Ich will versuchen, sowas nicht mehr zu machen“, verspricht sie.

Wir lösen die Runde auf und lassen den Abend mit einem Abendessen ausklingen. Die Stimmung ist entspannt.

Es ist unglaublich. Das Jugendamt kann nicht helfen, wenn Pflegeeltern in einer ausweglosen Situation sind. Die Sachbearbeiter handeln in einer Weise, die sie wohl professionell nennen und dies auch von Pflegeeltern erwarten. Tatsächlich ist diese Handlungsweise unmenschlich. Ständig hat man das Gefühl, dass sie einem Vorwürfe machen, anstatt wirklich professionell und kreativ an der Problemlösung mitzuarbeiten.

So bleibt uns Pflegeeltern nur, die Situation erfahrbar zu machen, zu lösen und richtig einzuschätzen, um sie dann zu entschärfen. Es nützt jedoch nichts, nicht an die Wurzel des Problems zu gehen. Das würde bedeuten, Susanns Probleme endlich grundlegend aufzuarbeiten und uns Möglichkeiten an die Hand zu geben, damit umzugehen. Das Jugendamt, befürchte ich, übt sich ausschließlich in Krisenmanagement, ohne die Grundlagen des Verhaltens traumatisierter Pflegekinder wirklich angehen zu wollen.

Wieder einmal fühlen wir uns allein gelassen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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