Die Therapeutin will nicht…

Traumatisierte Pflegekinder brauchen eine Therapie. Es darf jedoch nicht jede x-beliebige Therapie sein. Sie soll dem Kind helfen, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten oder zumindest damit leben zu können. Pflegeeltern haben es aber häufig sehr schwer, das Kind in eine Therapie ihrer Wahl unterzubringen. Meist sind sie froh, dass überhaupt ein Therapieplatz zu bekommen ist.

Wir sind heute zu einem Elterngespräch bei Frau Dr. Meyer-Frankenfeldt, Susanns  Therapeutin. Sie ist eine ältere Frau mit leiser Stimme und immer wohl gewählten Worten. Ihr Therapieansatz ist tiefenpsychologisch orientiert. Sie malt und spielt mit Susann und redet währenddessen mit ihr. Wir möchten sie heute darauf ansprechen, Susann einem Traumatherapeuten vorzustellen.

„Susann ist ein hoch traumatisiertes Kind“, erklärt uns Frau Meyer-Frankenfeldt mit betont ruhiger Stimme. „Was sie in ihrer Kindheit erlitten hat, können wir alle uns nicht vorstellen. Es hat Auswirkungen auf die Funktionsfähigleit ihres Gehirns gehabt. Sie können sie nicht mit denselben Maßstäben messen wie jedes andere Kind.“

„Susann hat uns erzählt, dass sie in den Therapiesitzungen spielt und malt. Welchen Stellenwert hat das im Rahmen der Therapie?“, möchte ich wissen.

„Susann kann währenddessen frei assoziieren und gibt mir einen Einblick in ihre frühkindlichen Erlebnisse, aber auch in ihre Bindungen an den leiblichen Vater und an sie“, erklärt die Therapeutin mir. „Ihr fehlt natürlich ihre Mutter, zu der sie überhaupt keinen Kontakt mehr hat, aber sie überträgt ihre schlechten Erfahrungen auf ihre Pflegemutter. Der Vater spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wenn überhaupt, dann existiert dort nur eine Angstbindung.“

„Wie steht es denn mit der Bindung an uns als Pflegefamilie“, fragt Ruth.

„Susann ist ganz eng an sie gebunden“, antwortet sie. „Besonders ist sie an den Pflegevater gebunden. Mit Ihnen als Pflegemutter verbindet sie eine Übertragungsbindung. Sie projiziert ihre ganzen frühkindlichen Erfahrungen der Vernachlässigung durch ihre leibliche Mutter auf Sie“, wendet sie sich an Ruth. „Sie müssen da sehr stark sein und beziehen Sie Susanns Aggressionen und Angriffe bloß nicht auf Ihre Person. Sie meint Sie damit gar nicht, sondern eigentlich ihre eigene Mutter.“

„Wie glauben Sie, Frau Meyer-Frankenfeldt, dass unsere Rolle bei der Verbesserung von Susanns Situation ist und wie ist Ihre Rolle?“, gehe ich jetzt etwas tiefer mit meinen Fragen. „Wie können wir alle gemeinsam daran wirken, Susann auf einen besseren Weg zu bringen, damit sie sich zu einem ganz normalen Mädchen entwickelt?“

„Sie müssen sich von dem Gedanken trennen, dass Susann jemals zu einem normalen Mädchen wird“, nimmt sie uns die Illusion. „Susann wird immer an ihrer Vergangenheit leiden. Es ist schon viel, wenn wir sie in ihrem jetzigen Zustand halten können. Ich rate Ihnen, ihr einfach viel Liebe und Verständnis entgegen zu bringen. Mehr können Sie nicht tun, und das ist schon viel. Wer weiß, wo sie ohne Sie sonst wäre.“

Jetzt komme ich zum Eigentlichen. „Wir haben uns informiert und erfahren, dass es Therapien gibt, die das Trauma von Anbeginn aufarbeiten“, erkläre ich, „und das der Einsatz von EMDR dabei besonders hilfreich ist.“

„Ach wissen Sie“, wehrt die Therapeutin ab, „das würde bedeuten, dass wir diese jetzt laufende Therapie sehr behutsam beenden müssten. Dann müsste Susann sich auf einen anderen Therapeuten einlassen, und es ist nicht gesagt, dass das funktioniert. Ein anderer Therapeut müsste sie auch zuerst kennen lernen und über eine lange Zeit hinweg ihr Vertrauen erlangen. Dann erst könnte er richtig anfangen zu arbeiten. Es bedeutet ja auch einen erneuten Bindungsabbruch für Susann und die Etablierung einer neuen Bindung. Auch ein Traumatherapeut arbeitet auf der selben Basis wie ich, es gibt da kaum einen Unterschied. Susann ist multipel traumatisiert. Also müsste ein Traumatherapeut auch erst damit beginnen, ein Trauma zu bearbeiten, bevor er mit dem nächsten beginnt. Ich halte das für eine ganz schlechte Idee.“

„Würden Sie also nicht zustimmen, wenn wir Susann einem Traumatherapeuten vorstellen würden“, komme ich jetzt zum Knackpunkt.

„Wir sollten noch einmal in Ruhe darüber sprechen“, windet sie sich. „Man darf solche weit reichenden Entscheidungen nicht zu voreilig fällen. Wir sind sowieso am Ende der Zeit. Lassen Sie uns das nächste Mal darüber sprechen.“

Eine höfliche Verabschiedung und wir haben wider keine klare Aussage.

Irgendwie haben wir viel erfahren, was wir schon wussten. Wir wissen, dass Susann multipel traumatisiert ist. Wir wissen, dass sie die Erfahrungen mit der Vernachlässigung ihrer leiblichen Mutter auf Ruth überträgt. Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, dass Susann nicht zu helfen ist. Wir wollen eine Therapie nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft.

Frau Meyer-Frankenfeldt führt Argumente ins Feld, die zumindest bedenkenswert sind. Der Verlust der Bindung zur Therapeutin ist ebenso ein gewichtiger Grund wie die zu erwartenden Schwierigkeiten einer neuen Therapie. Das all das Zeit kostet, ist auch uns klar.

Aber warum kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Frau Meyer-Frankenfeldt für ihre Leistungen redet und andere schlecht macht? Warum beschleicht mich das Gefühl, dass es ihr um das Geld geht, dass sie verlieren würde, wenn sie Susann als Patientin verlieren würde? Dass ihre Mal- und Spieltherapie bei Susann nichts fruchtet, außer den Status Quo zu erhalten, also keine wirkliche Besserung bewirkt? Sie hat mich nicht wirklich überzeugt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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