Gruselparty

Pflegeeltern machen immer neue Erfahrungen mit ihren Pflegekindern. Die Kinder reagieren manchmal so, wie es niemand sich hätte vorstellen können. Vor allem finden sie keinen Anlass und keinen Grund dafür.

Es ist zehn Uhr abends. Die Kinder sind im Bett. Ab und zu gehe ich abends in die obere Etage, um zu sehen, ob mit Jeannett alles in Ordnung ist. So auch heute.

Es ist alles still. Ich blicke leise und verstohlen in Jeannetts Zimmer und erwarte sie schlafend im Bett. Aber ein Lichtschein irritiert mich. Als ich die Bettdecke zurückschlage, läuft mir angesichts des Bildes, das sich mit bietet, ein Schauer über den Rücken.

Jeannett lieg in ihrem Bett, bekleidet mit ihrer Trainingshose und einem Pullover. Die Heizung glüht. In der einen Hand hat sie ein Glas Rübensaft, in der anderen einen Löffel. Sie hat aus unseren Zeltsachen für den Urlaub den Spannungsadapter, der eigentlich für die Gefrierbox gedacht ist und die mobile Videoanlage geholt. Sie sieht eine Harry-Potter-DVD, die sie einfach ohne zu fragen aus Hameln von Schwägerin Sarah mitgenommen hat.

„Jeannett, was machst du da?“, frage ich ungläubig.

Keine Antwort. Sie schaltet die Videoanlage ab, gibt mir wortlos die DVD und legt sich wieder ins Bett. Ihr starrer Blick, die zu Schlitzen verzogenen Augen signalisieren mir: Sie ist jetzt nicht erreichbar.

Es ist mir unheimlich. Wie soll ich reagieren? Da klettert sie die Dachleiter hinauf, holt Videoanlage und Adapter, geht in den Keller, holt aus dem Vorratsschrank das Glas mit dem Rübensirup, holt sich aus der Küche einen Löffel und inszeniert diese Szene.

Was geht in diesem Kind vor??? Ist das noch normal??

Sehe ich Gespenster oder sehe ich ein Kind mit zwei kontrastierenden Persönlichkeitsanteilen? Das ist nicht die Jeannett, die ich kenne, die kuschelt und mich „Papa“ nennt. Diese Persönlichkeit kennt keine Regeln und inszeniert Situationen, die uns unheimlich vorkommen. Ob sie damit gerechnet hat, dass sie entdeckt wird? Oder ob sie es sogar provoziert hat?

Alles ist für mich inzwischen vorstellbar.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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