Grenzüberschreitungen

Pflegeeltern müssen sich darauf einstellen, dass traumatisierte Pflegekinder immer wieder Grenzen überschreiten. Zwar wird während einer Eingewöhnungsphase nichts passieren, was darauf schließen lässt. Diese Phase kann alles von ein, zwei Monaten bis zu mehreren Jahren dauern. Dann jedoch geht´s zur Sache.

Wir haben die Eingewöhnungsphase lange hinter uns und befinden uns mitten in der Phase der Austestung. In Susanns Zimmer finden wir leere Packungen von Puderzucker und Joghurt, Keksen und Bonbons, bei Jeannett Löffel und Bonbonpapier.

Meine Schwägerin Sarah ruft aus Hameln an, wo wir das letzte Wochenende verbracht haben. Sie hat Scherben auf dem Boden des Zimmers gefunden, in dem die Mädchen geschafen hatten, die Luftmatratze war mit einer klebrigen Flüssigkeit verschmutzt. Einige Waggons lagen unter der Modelleisenbahn, sie waren offensichtlich herabgestürzt.

Nach dem Abendessen beschreibe ich den Kindern die Situation und will wissen, was da los war. Jeannett stemmt die Hände ins Gesicht und macht damit klar, dass wir von ihr nichts erfahren werden.

Nach einer Weile bricht Susann das Schweigen.

„Im Zimmer ist uns das Schüttelglas runtergefallen, weißt du, das mit dem Schneemann und den Schneeflocken. Da ist es kaputt gegangen. Die Flüssigkeit da drin ist ganz süß. Es tut mir leid.“

„Und das mit der elektrischen Eisenbahn war Jeannett. Sie hat die Züge immer schneller fahren lassen, bis sie herabgestürzt sind.“

Jeannetts Blick verfinstert sich. „Zicke! Petze!“ zischt sie zwischen ihren Fäusten hervor.

„Sowas will eine Schwester sein!“

„Also stimmt alles so“, will ich von Jeannett wissen. Gesenkter Blick. Fäuste im Gesicht. Keine Reaktion.

Es geht uns nicht darum, auf Ereignissen herumzureiten, die eigentlich die Diskussion nicht wert sind. Aber die Kinder sollen lernen, offen und ehrlich mit der Wahrheit umzugehen und eventuell auch die Konsequenzen ziehen.

Das ist von Kindern, die in ihrer Kindheit keine moralischen Werte beigebracht bekommen haben, die vielleicht eher benutzt wurden, um die Wahrheit zu verheimlichen, sehr viel verlangt. Es widerspricht all ihren bisherigen Erfahrungen. Aber dennoch gibt es allgemein gültige, gesellschaftlich akzeptierte oder eben nicht akzeptierte Verhaltensnormen, an denen auch Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen gemessen werden.

Deshalb wollen wir nicht darauf verzichten, unseren Mädchen deutlich zu machen, was akzeptiert ist und was nicht, was Ablehnung oder Enttäuschung hervorruft. Alles andere wäre unredlich, meinen wir.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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