Warum zerstört sie alles?

Pflegeeltern stehen oft vor Rätseln. Sie versuchen ihre traumatisierten Pflegekinder zu verstehen, aber es gelingt ihnen nicht. Oft bleibt nur Entsetzen.

Wir haben eine Absprache mit der Schule. Susann hat drei Federtaschen, eine für die Schule, die immer dort bleibt. Eine komplette Federtasche bleibt im Hort. Die dritte bleibt immer zu Hause.

Heute entdecken wir, dass Susann alle drei in ihrem Zimmer verstreut hat. Es ist eine zeitraubende Arbeit, dass sie den Inhalt für alle drei Taschen zusammen sucht und ihn in die Federtaschen sortiert.

Jeannett bittet uns in ihr Zimmer. Wir sollen uns ihren Schreibtischstuhl ansehen. Ein großer Schnitt befindet sich quer über der Polsterfläche, die Polsterung tritt aus. Es besteht kein Zweifel daran, dass es Susanns Werk war.

In Susanns Zimmer finden wir das Kissen in Herzform mit zwei Mäusen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und das sie so geliebt hat. Es ist aufgeschnitten, der Inhalt verstreut über den Boden. Wir sind traurig und entsetzt.

Was geht in diesem Kind vor? Warum zerstört sie nicht nur Dinge, die anderen Familienmitgliedern gehören, warum zerstört sie hemmungslos auch Dinge, die sie liebt, die ihr etwas bedeuten? Wir sind fassungslos.

Dass sie den Schreibtischstuhl ihrer Schwester beschädigt, ließe sich noch mit der überbordenden Konkurrenz zwischen den Geschwistern erklären. Aber das Herzkissen, so misshandelt… Es scheint, dass sie alles, was ihr etwas bedeutet, kaputt machen muss. Wie riesig und übermächtig muss ihre Wut sein, Wut gegen sich selbst und ihre Umwelt, dass sie zu solchen Taten in der Lage ist? Was muss sich in solchen Augenblicken der blindwütigen Zerstörung in ihrem Kopf abspielen? Wer kann es ermessen? Der Gedanke daran treibt mir die Tränen in die Augen.

Es beschleicht uns der Gedanke, dass wir nichts ausrichten können. Susann können wir für ihr Verhalten offensichtlich nicht verantwortlich machen. Erzieherisch können wir nichts ausrichten. Es ist ein Fall für einen Psychotherapeuten. Wir kommen an unsere Grenzen.

Tags darauf finden wir Susanns Namenszug mit roter Kreide quer über die hintere Hausmauer geschrieben. Wir verpflichten sie, die Schmiererei mit Wasser zu beseitigen.

Wir sind uns darüber im Klaren, was das bedeutet: Ich bin hier, ich will auch hier bleiben. Ich will die ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich will nicht immer in Jeannets Schatten stehen, die sich immer in den Mittelpunkt drängt. Helft mir!

Wir fragen uns, was wir noch tun können. Wie sollen wir auf diesen Hilferuf reagieren? Mehr Verständnis! Mehr Liebe! Wird das wirklich ausreichen?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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