Therapie contra Schule?

Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.

Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.

Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.

Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.

So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.

„Wissen Sie“, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, „bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.“

Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.

Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.

Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.

Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.

Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Therapie contra Schule?

  1. LadySolana schreibt:

    Ich bin eindeutig der Meinung das die Therapie den Vorrang hat, zumindest halten wir es so bei meiner Tochter.
    Erst wenn es ihr besser geht hat sie eine Chance auch in der Schule mitzukommen, solang sie ihre Traumata noch belasten solange kann sie sich auch im erforderten Maß nicht an den Unterricht anpassen.
    Bildung ist nachholbar, wenn aber die Traumata nicht behandelt werden dann kann man nichts nachholen weil Wunden tiefer und größer werden.

    So das ist meine Meinung auch wenn ich mich damit in die Nesseln setzte

    • lehrergehrke schreibt:

      Hallo, Lady Solana,
      schön wieder von dir zu hören. Ich sitze gern mit dir in den Nesseln 😉 , weil ich das ganz genauso sehe. Leider haben Lehrer und Schulleiter dafür meiner Erfahrung nach gar kein Verständnis. Wir wissen auch aus Erfahrung, was es bedeutet, wenn PTBS oder eine dissoziative Persönlichkeitsstörung unbehandelt bleibt.
      Alles Gute und viel Kraft!

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