Der große Ausflug

Pflegekinder, die mit ihren Pflegeeltern Urlaub machen, sind wie trockene Schwämme. Sie saugen alles in sich auf, was sie sehen und erleben. Was bei leiblichen Kindern lange zuvor geschehen ist, müssen Pflegekinder nachholen. Heute ist so ein Tag.

Nach dem gemeinsamen Frühstück steigen wir in den Mietwagen und fahren Richtung Osten an der Nordküste Zyperns entlang. Weiße Strände und blaue See soweit das Auge reicht.

Doch dann, recht unvermittelt, biegt die Straße nach rechts ab und windet sich in spitzen Kurven in die Berge. In einer Kehre halten wir an. Wir können von oben auf die Küste sehen, auf einen Ort, der von der Landseite nicht erreichbar ist. Es ist die türkische Enklave von Kokkina, bestehend aus verlassenen Häusern eines Dorfes und einem türkischen Militärposten, umgeben von einem hohen Zaun, oben mit Stacheldraht versehen. Die Atmosphäre ist gespenstisch.

„Wow“, staunt Jeannet, „das ist unglaublich! Ein Dorf, das verlassen ist und wo es nur Kriegsleute gibt!“ Kriegsleute ist ihr Wort für Soldaten. Auch Susann traut ihren Augen nicht.

Dann fahren wir weiter, und anstatt wieder auf der anderen Seite hinunter zu fahren, biegen wir oben nach rechts ab und erklimmen das Troodos-Gebirge. Wir kommen nach Pedhoulas, einem kleinen Städtchen mit einem Marktplatz, einer Kirche und einer Taverne. Dort sitzt der Pope des Dorfes in seinem schwarzen Gewand, den zylindrischen Hut vor sich auf dem Tisch. Er unterhält sich ruhig mit einigen Einwohnern, die mit ihm am Tisch sitzen.

„Was ist das für ein Mensch?“, fragt Susann.

„Er ist ein Pfarrer, wie sie bei uns auch in der Kirche sind“, erkläre ich. „Sie glauben an denselben lieben Gott, aber der Gottesdienst ist anders.“

„Und warum sitzt er im Lokal und nicht in der Kirche?“, erkundigt sich Susann.

„Er möchte Kontakt zu den Menschen“, erwidere ich. „Hier ist eben manches anders und es ist gar nicht so schlecht, finde ich.“

Die Kinder staunen. Wir kehren ein und lassen uns ein griechisches Mittagsmahl schmecken.

Über enge, kurvige Gebirgsstraßen geht es weiter Richtung Westen bis zum Kloster Kykko. Dort sehen wir uns die Kirche an. Sie ist im Inneren reich verziert und bunt bemalt.

„Ich möchte gerne mal ein Zimmer sehen, in dem ein Mönch wohnt“, wünscht sich Jeannett.

„Das geht nicht“, wehrt Ruth ab, „Die Mönche möchten nicht gestört werden. Stell dir vor, zu Hause würden lauter Touristen in dein Zimmer sehen wollen, das würdest du wohl auch nicht gut finden.“

„Nee“, lehnt Jeannett ab, „dann müsste ich ja jeden Tag aufräumen!“ Wir lachen alle lauthals.

Über Schotterpisten bahnen wir uns den Weg nach Pano Panaya, einem weiteren kleinen Städtchen, und westwärts hinunter in die Ebene. Von dort aus geht es wieder nach Norden, an Polis vorbei weiter westlich, wo wir auf Loutra Aphroditis, dem Bad der Aphrodite, stoßen. Wir springen in die lauen Fluten des Mittelmeeres und beobachten den Sonnenuntergang.

Zurück geht es wieder östlich, durch das kleine Dorf Lachi Richtung Polis. Hier auf dieser Strecke ist die Küste vollgebaut mit Appartmenthotels und Tavernen. Man merkt deutlich, dass man sich wider dem touristischen Teil der Insel nähert.

Zufrieden, aber müde treffen wir auf dem Zeltplatz ein. Es war ein schöner, erlebnisreicher Tag.

Es scheint, dass unsere traumatisierten Kinder an solchen erlebnisreichen Tagen ihre ganzen vergangenen Qualen vergessen können. Sie sind einfach nur glücklich, und wir mit ihnen.

Wir wünschten, es könnte immer so bleiben. aber wir wissen, dass uns der Alltag bald wieder haben wird.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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