Alltag im Urlaub

Ob Pflegekinder den Alltag im Urlaub abschütteln können und ihr Verhalten besser im Griff haben? Für einige Tage haben wir es geglaubt. Pflegeeltern sind optimistisch, sie glauben an das Gute im Menschen und dass sie etwas bewegen können.

Auf unserem Zeltplatz in Polis auf Zypern lassen wir es uns gut gehen. Morgens frühstücken wir in einer lustigen Gruppe, abends feiern wir gemeinsam. Alles scheint prima und ganz anders als zu Hause.

Dann aber entdecken wir, dass die Hälfte der Schokoladentafel fehlt, die Ruth sich extra aus Deutschland mitgenommen hat. Jeder wusste: Es ist ihre spezielle Sorte. Es können nur die Kinder gewesen sein.

Was sollen wir tun? Es übergehen, als ob nichts gewesen sei? Nur, um die Harmonie nicht zu stören? Wir sind der Meinung, dass es ein Lernprozess für die Kinder ist, wenn wir zu erkennen geben, dass ihre Handlung nicht unentdeckt geblieben ist. Ruth und ich fassen einen Entschluss.

„Hier ist meine Schokoladentafel“, spricht sie die Kinder an, „und es ist nur noch die Hälfte da. Eine von euch hat die andere Hälfte gegessen. Wer?“

Eisernes, betretenes Schweigen.

„Wer war es?“, drängt Ruth.

Keine Reaktion.

„Gut“, fährt sie fort, „so lange, bis eine von euch nicht zugibt, dass sie sie weggenommen hat, gibt es nichts besonderes mehr. Der Ausflug, den wir heute ins Gebirge machen wollten, fällt aus. Wir werden nicht mehr grillen. Kein Eis mehr. Und es geht um sieben ins Bett.“

Das ist wirklich hart für die Beiden. Irgendwann ist der Campingplatz langweilig. Keine Abende mehr, an denen sie am Strand herumtollen dürfen.

Die Atmosphäre beim Mittag ist eisig. Kaum jemand spricht ein Wort.

Erst nachmittags nähert sich Susann uns beiden.

„Ich wollte nur sagen, dass ich die Schokolade aufgegessen habe.“

„Wann?“, fragt Ruth.

„Heute Morgen, als ihr zum Duschen wart.“ Ihr Kopf ist geneigt, ihr Gesicht finster. Aber sie hat den Tag gerettet. Für den Ausflug ist es jetzt zu spät.

Also gehen wir abends ins Dorf. Die Tavernen sind voller Leute, die Touristen schlendern durch die Straßen.

„Ich muss aufs Klo“, verkündet da Jeannett.

„Muss das hier sein, kannst du nicht warten, bis wir wieder auf dem Campingplatz sind?“, wendet Ruth ein.

„Nein, ich muss jetzt, ich geh jetzt hier rein“, erwidert Jeannett. Als sie in die Taverne verschwindet, ruft Ruth ihr nach „Wir gehen schon mal vor! Du kommst dann nach!“

Wir warten an der nächsten Straßenkreuzung, aber Jeannett erscheint nicht. Ruth geht zurück zu der Taverne, in die Jeannett verschwunden ist. Sie ist brechend voll. Sie sucht, fragt die Leute. Jeannett ist verschwunden, nicht in der Toilette, nicht in der Taverne, nicht auf der Straße. Ruth ruft mich auf dem Handy an.

„Geh mit Susann zurück zum Campingplatz, vielleicht ist sie ja da.“

Dort angekommen finde ich Jeannett am Strand. Sie ist sich keiner Schuld bewusst. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Ein Anruf, und kurze Zeit später ist Ruth zurück.

„Weißt du, was wir uns für Sorgen gemacht haben?“, spricht Ruth Jeannett an.

„Warum denn“, antwortet die, „ich sollte doch auf dem Campingplatz auf Klo gehen.“

Wir sind froh, dass Jeannett überhaupt wieder da ist. Schon hatten wir Vorstellungen von dunklen Autos mit russischen Kennzeichen und finsteren Gestalten, die in Jeannett eine günstige Ware gesehen hätten.

Zum Feiern ist uns heute nicht zumute. Wir verschwinden geradewegs ins Bett.

Heute haben wir begriffen: Auch im Urlaub schlägt der Alltag durch. Wie hätten wir nur annehmen können, es wäre anders? Es ist nur, dass sie Alltagspersönlichkeiten überwiegen und die Traumapersönlichkeitsanteile seltener durchbrechen. Aber wir meinen, es ist besser, unbewusste Handlungen ins Bewusstsein zu heben.

Klar ist uns auch, dass Pflegekinder sich nicht bewusst sind, was es bedeutet, wenn sie ihren Pflegeeltern verlustig gehen. Statt dessen zeigt sich immer wieder ihre pseudo-autonome Persönlichkeit, und sie treffen Entscheidungen, deren Folgen sie nicht absehen können.

Wir jedenfalls sind glücklich, diesen Tag gemeistert zu haben. Auch wenn es Alltag im Urlaub war.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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