Ab in den Norden

Pflegekinder und Kultur – das ist eine schwierige Mischung. Meist haben sie kaum Kultur genossen; der Fernseher und der Computer sind übermächtig gewesen in ihren Herkunftsfamilien. Deshalb erfahren sie meistens erst in der Pflegefamilie durch die Pflegeeltern, was Kultur eigentlich ist.

Auf unserer Reise durch Zypern sind wir in Paphos gelandet und hatten einen wunderschönen Abend mit griechischem Essen und Tanz. Am nächsten Morgen nun machen wir uns in unserem Mietauto auf den Weg nach Norden. Es ist eine einfache Straße, die Sonne scheint und erwärmt die Luft. Nach zehn Kilometern biegen wir ab. Die schmale Straße führt hinauf auf einen Berg, zum Kloster Agios Neophyto.

Der Parkplatz ist klein und die Gebäude von einer Mauer umgeben. Wir betreten das Gelände. Die Arme und Beine müssen bedeckt sein, und so wickeln wir uns tücher um die Schultern und Jacken um die Taille. In der Kirche feiern die Mönche eine Andacht. Der gregorianische Kirchengesang beeindruckt die Kinder. Sie sind ganz still.

Nach ein paar Minuten verlassen wir die Kirche wieder.
„Papa, warum tragen die Männer so schwarze Mäntel?“, will Susann wissen.
„Das sind Mönche, und das ist ihre Kleidung. Sie leben hier ihr ganzes Leben lang, sie haben sich dazu entschieden“, erkläe ich. „Sie tun nichts weiter als beten und arbeiten.“
„Was arbeiten sie denn? Und wovon leben sie?“, mischt sich Jeannett ein.
„Sie pflanzen Gemüse an, das sie dann verkaufen. Außerdem sorgt die Kirche dafür, dass sie nicht verhungern. Ihnen gehört nichts“, fahre ich fort. „Sie wohnen in diesen kleinen Zimmern da, aber tagsüber sind sie immer zusammen.“
„Warum machen die das?“, fragt Susann ungläubig.
„Sie wollen nur dem lieben Gott dienen. Es ist ihre Lebensaufgabe.“
„Ist ja komisch“, urteilt Jeannett, „ich könnte das nicht.“

Wir sehen uns noch etwas im Kloster um und machen uns dann wieder auf den Weg zur Hauptstraße Richtung Norden. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde treffen wir in Polis ein. Es ist ein kleines Städtchen an der nordwestlichen Küste, etwas verschlafen, aber umringt von Touristenappartments. Wir haben aus Deutschland einen Wohncontainer auf dem dortigen Campingplatz mit zwei Räumen gebucht. In einem schlafen die Kinder und der andere ist der Wohn-Schlafraum für uns. So können wir die frischen Nächte gut überstehen, ohne in einem Zelt frieren zu müssen.

Als wir ankommen, sind wir begeistert. Von unserem Wohnwagen aus können wir direkt an den Strand. Der Campingplatz ist gemütlich klein, in der Mitte ein Kiosk, der kleine Speisen verkauft. Es ist genau so, wie wir es jetzt brauchen.
Abends kommen wir mit einer Gruppe junger deutscher Touristen ins Gespräch. Wir trinken griechischen Wein und die Kinder tollen in der Dunkelheit in Sichtweite am Strand herum. Alles verspricht, harmonisch und angenehm zu werden.

Dies sind die Situationen, die wir brauchen. Stressfrei, an der Natur, alle sind entspannt und gut gelaunt. Wir hoffen, etwas von dieser Atmosphäre in unseren deutschen Alltag hinüber retten zu können.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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