Fahrt in den Westen

Pflegeeltern sollten ihren Pflegekindern so viel von der Welt zeigen, wie möglich. Sie sollen verstehen, dass es viele Völker und Sprachen gibt, die alle unterschiedlich sind, aber trotzdem nicht feindlich. Sie sollen merken, dass es ihnen gut gehen kann, viel besser als in der Herkunftsfamilie. Sie sollen ihre grausamen Erfahrungen in ihrer Kindheit vergleichen können mit einer Welt, die Schönheit und Harmonie bietet.

Heute Morgen steigen wir in den Mietwagen und fahren auf der Autobahn nach Westen. Bis nach Limassol säumen Fabriken und Industrie den Weg durch die Ebene. Auch Limassol interessiert uns nicht besonders. Dann geht es weiter am Rande des Troodos-Gebirges entlang bis nach Paphos, der Stadt mit historischem Stadtkern und dem Bezirk der Touristenhotels. Er erstreckt sich vom Strand bis an die Felsen , auf denen die Altstadt erbaut ist.

Wir beabsichtigen, eine Nacht im Hotel zu verbringen, bevor wir weiter in den Nordwesten fahren. Aber in der Herbstzeit sind fast alle Hotels und Restaurants zwischen Strand und Altstadt geschlossen. Wir haben Glück und bekommen am frühen Nachmittag ein preiswertes Hotelzimmer. Nachdem wir uns eingerichtet haben, ist das Bad im Mittelmeer ein Muss. Es ist warm und sonnig. Wir alle genießen das Nichtstun. Alle trüben Gedanken sind wie weggeblasen.

Abends nehmen wir den Bus, griechisch ‚leoforio‘ genannt, in die Altstadt. Ich spüre nach einer Taverne, die so ganz anders ist als die Restaurants, die die Touristen anlocken. In einer Seitenstraße finde ich so eine Lokalität. Durch große Fensterscheiben erkenne ich, dass sich hier viele Einheimische aufhalten. Als wir eintreten, bietet sich das typische Bild: Kleine eckige Tische, eine Papiertischdecke, mit einem Gummiband unten zusammengehalten, mit Brotkrümeln übersät. Kaum haben wir einen Tisch ausgesucht, kommt der Wirt und begrüßt uns herzlich. Er wechselt die Decke, legt eine neue auf. Dann lädt er uns mit einem freundlichen „Come, come, see“ ein, zum Tresen zu kommen, in dem sich alle möglichen leckeren griechischen Speisen befinden.

Jeannett und Sussann sind sich nicht sicher, aber wir nehmen sie an die Hand. Wir suchen die Speisen aus, indem wir auf die Töpfe deuten und jeweils „ena“ sagen. Es klappt. Für die Kinder gibt es „Lemonada“, für uns „Himiglikos“, den halbtrockenen roten Wein.

Die ganze Zeit werden wir unaufdringlich aus den Augenwinkeln beobachtet, wie wir speisen. Wir sind hier die einzigen Nichtgriechen, oder anders ausgedrückt, Touristen, Fremde. Der Wirt erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden.

Als wir unser Mahl beendet haben, nähert sich ein griechischer Zypriot unserem Tisch, in der Hand eine Untertasse mit Oliven. Kurz vor unserem Tisch macht er Halt und lässt den Teller mitsamt den Oliven fallen; der Teller zerspringt mit lautem Gescheppere. Der Mann reißt die Arme nach oben und ruft laut, mit einem Lachen im Gesicht „Ella!“

Die Kinder blicken verstört, Ruth ist erschrocken.

„Warum macht der Mann das?“, fragt Susann, als sie sich wieder gefasst hat. Zum Glück kenne ich die griechischen Sitten von früher.

„Er freut sich darüber, dass wir da sind“, erkläre ich. Und schon kommt ein neuer Teller mit Oliven, für die Kinder Lemonada und für uns Erwachsene je ein Wasserglas mit Ouzo, dem griechischen Anislikör.

Plötzlich erschallt laute Musik: Sirtaki, der griechische Volkstanz. Drei Männer kommen auf unseren Tisch zu, lachen freundlich, ergreifen unsere Hände und ziehen uns in die Mitte des kleinen Raumes, während die anderen schon die Tische beiseite geräumt haben. „Ella“ erschallt es wieder aus zwei Dutzend Kehlen und man bringt uns zum Takt der Musik bei, wie man Sirtaki tanzt. Teller zerspringen auf dem Boden. Die Kinder tanzen mit, wir bewegen unsere Arme und Beine zum Takt der Musik, in einer, manchmal mehreren Reihen. Ab und zu bewegt sich einer der Männer in die Mitte, schwingt die Beine, schreitet, dreht sich, geht wieder zurück ins Glied. Die Kinder strahlen, bewegen Arme und Beine, tanzen mit jungen und alten Griechen. Es ist wie das Paradies.

Nach tanzen,Stunden ist es spät, Zeit für alle, nach Hause zu gehen. Der letzte Bus ist lange weg, also laufen wir den Berg hinunter, bis zu unserem Hotel. Der Portier begrüßt uns freundlich und mit einem vielsagenden Lächeln. Ob er etwas ahnt von unserem Erlebnis?

„Das war sooo schön“, beschließt Jeannett den Abend, „ich habe selten so viel getanzt! Ich mag die Griechen! Am liebsten möchte ich immer hier bleiben!“

„Au ja“, schließt sich Susann an, „Können wir nicht hier bleiben? Die Menschen sind so nett und ich mag so gern tanzen!“

Ich fühle mich erinnert daran, wie unsere Beiden auf der Terrasse tanzten, bei uns zu Hause. Wie glücklich sie waren, eine Familie gefunden zu haben.

„Ja, ihr Beiden“, wende ich mich an sie, „ich fand´s auch toll. Aber wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören. Wir wohnen nun mal in Deutschland, da sind eure Freunde, da ist eure Schule. Behaltet den Abend in eurem Kopf, denkt immer daran, wenn es euch nicht gut geht. Dann wir alles nicht so schlimm.“

Die beiden sind jetzt ganz ruhig. Sie liegen zufrieden lächelnd in ihren Betten und bald sind sie eingeschlafen. Ich kuschele mich noch etwas an Ruth.

„Es war ein toller Abend, Nico“, flüstert sie mir zu. „So müsste es immer sein, fröhlich und unbeschwert.“ Dann schlafen auch wir ein, erschöpft, aber glücklich.

Im Zusammenleben mit traumatisierten Kindern ist es so selten, glückliche Momente zu schaffen. Meist kommen sie ganz von selbst. So wie heute, als uns die Lebenslust der Griechen einfach mit riss und uns all unsere Probleme und Schwiegigkeiten vergessen machte. So wie Alexis Sorbas, der immer dann tanzte, wenn es ihm am schlechtesten ging. Es ist wie eine Therapie.

An diesem Abend ist es uns gelungen. Es ist uns gelungen, dass unsere Traumakinder ihre Herkunft und alle ihre seelischen Wunden vergessen. Sie einfach nur glücklich zu sehen, bedeutet uns so viel. Erst wenn der Alltag uns wieder hat, kommen die Probleme wieder. Wenn das endlose Gezerre der Herkunftsfamilie an ihnen wieder losgeht, wenn wir uns die so dringlich erforderliche Hilfe des Jugendamtes wieder einmal ausbleibt, wenn die Schule ihre Ansprüche stellt.

Unsere Kinder könnten so glücklich aufwachsen, wenn an uns nur machen ließe. Wenn man uns unterstützen würde. Aber Zuhause ist gerade so weit weg; nur schemenhaft schimmert es wie durch eine Milchglasscheibe in meinen Kopf. Wir genießen einfach nur unser Glück.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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