Nicosia, die Geteilte

Pflegekinder sollen die Welt sehen. Aber sollen sie die Welt auch so sehen, wie sie ist? Nicht nur die Strände, Glanz und Glamour? Auch die Wunden, die diese Welt zu bieten hat? Schließlich hat unsere Generation an einer solchen Narbe dreißig Jahre lang gewohnt, wir konnten Weltgeschichte in Berlin hautnah betrachten und erfahren, wenn wir zu Besuch waren.

Also beschließen wir, in den Norden zu Fahren, so weit es eben geht, nach Nicosia. Die südliche Hälfte ist quirlig, mit Basaren und Tavernen. Aber je weiter wir in den Norden kommen, desto stiller wird es. Kleine, ruhige Gässchen, die zum UN-Kontollpunkt führen. Auf den Dächern aufgepflanzte Maschinengewehre. Tausend Augenpaare folgen uns. Dann öffnet sich die Gasse zur Straße. Wir sehen das große Hotel, in dem die UNO residiert. Die Straße ist von Stacheldraht umgeben. Trotz der gruseligen Atmosphäre ist das wohl der sicherste Platz auf Zypern. Die Kinder sehen sich um, als seien sie in einem Film. Langsam schlendern wir zum griechischen Polizeiposten.

„Wie would like to enter the Turkish part of Nicosia“, gebe ich dem Polizisten unsere Absicht kund, in den nördlichen Teil einzureisen.

„You can try“, antwortet der, mit gleichgültigem Gesichtsausdruck, „but they don´t work. They never work. But they like children.“

Merkwürdige Auskunft. Was ist wohl damit gemeint?

Einige Schritte enfernt befindet sich ein weiteres Wachhäuschen. Die Fahne der sogenannte „Türkischen Republik Nord-Zypern“ weht. Wir probieren es. Wir tun nichts Unerlaubtes. Wenn wir irgendwo sicher sind, dann hier auf dem Gelände der UNO.

An der Hütte angekommen, finden wir einen freundlichen, älteren Herrn in Zivil vor.

„Welcome to the Turkish Republic of North Cyprus“, begrüßt er uns.

„We would like to have a look at Northern Nicosia“, erkläre ich ihm.

Er lächelt die beiden Kinder an. Sie lächeln zurück.

„Sorry, but it is not possible“, spicht er mit dem Ausdruck des Bedauerns in seiner Stimme. „It´s the last day of Ramadan today, and a festive day. Noone is working. Please return any time, it´s worth it.“

Soviel für unseren Besuch in Nord-Nicosia. Auf dem Rückweg grinst uns der griechische Polizist an.

„I told you they would not admit you.“

„Papa, warum durften wir da nicht durch?“, fragt Susann traurig.

„Susann, mein Schatz, dies ist eine Grenze. Jeder Staat darf darüber entscheiden, ob er Menschen hineinlässt. Dort aben die Leute heute einen Feiertag, sie arbeiten nicht. Also durften wir nicht über die Grenze.“

Susann blickt enttäuscht. „Warum gibt es Grenzen?“

„Damit Menschen voneinander getrennt werden und die Regierungen Krieg führen können. Es gibt immer böse Menschen, die am Krieg verdienen wollen, zum Beispiel die die Waffen herstellen und verkaufen. Und die Menschen müssen darunter leiden.“

„Und wer kämpft mit den Waffen?“

„Das sind die Soldaten, die gegeneinander kämpfen. Sie werden dafür bezahlt, von den Regierungen. Sie wissen genau, dass sie im Krieg sterben können.“

„Kann das bei uns in Deutschland auch passieren?“, fragt Jeannett besorgt.

„Jetzt gerade nicht“, antworte ich. „Aber es gab auch bei uns eine Zeit, als Krieg war. Ich habe noch die Ruinen der Häuser gesehen, die übrig geblieben sind. Zum Glück leben wir schon sehr lange im Frieden und wir wünschen uns alle, dass es noch lange so bleibt.“

„Das wünsche ich mir auch“, erwidert Susann.

Nachdenklich gehen wir zum Auto zurück. Die Fahrt nach Larnaca verläuft ruhig. Noch ein Spaziergang an der Strandpromenade und wir gehen alle ins Bett.

Im Nachhinein stellt sich für uns die Frage: Sollten wir unsere Kinder mit der Grausamkeit dieser Welt konfrontieren? Soll man über Krieg und Frieden sprechen? Beunruhigt man sie damit nicht?

Unsere Antwort ist ein klares Ja. Es hilft nichts, sie vor der Grausamkeit der Welt schützen zu wollen. Sie wissen, was Gewalt ist, weil sie sie selbst erfahren haben. Sie können es einschätzen und haben einen klaren Standpunkt dazu. Ehrlichkeit ist noch immer der beste Lehrmeister. Irgendwann werden sie in der Schule eh damit konfrontiert.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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