Tour durch den Osten

Fremde Situationen erschrecken Pflegekinder manchmal. Sie brauchen die Beständigkeit des Alltags und der Umgebung. Alles Fremde kann sie ängstigen. Deshalb gehen wir es behutsam an und geben ihnen besonders viel Aufmerksamkeit und Verständnis in diesem für sie neuen Land.

Am Morgen steht das Mietauto vor dem Hotel. Der Himmel ist blau, es ist schon jetzt angenehm warm. Also beschließen wir, eine Tour zu unternehmen. Wir fahren in den Osten Zyperns. Der erste Ort ist Agia Napa. Hotelburgen säumen den Strand. Wir suchen uns einen Parkplatz und finden endlich einen Zugang zum Meer.

Nachdem wir im Mittelmeer gebadet haben, setzen wir uns in den Sand. Ein älteres Ehepaar spricht uns von den Liegen aus, auf denen sie sich eingerichtet haben, an.

„Sind Sie gerade erst angekommen? Wir haben Sie noch gar nicht im Hotel gesehen“, erkundigt sich der Herr in der etwas altmodischen Badehose neugierig.

„Nein, wir wohnen hier nicht im Hotel“, erwidere ich etwas peinlich berührt. „Wir wollen noch weiter nach Osten und dann nach Norden an die Green Line.“

Die beiden alten Leute blicken verdutzt, aber Jeannett kommt ihnen zuvor. „Papa, was ist das, eine Green Line?“

„Weißt du, das ist eine Grenze. Man hat sie festgelegt, nachdem es hier im Land Krieg gab und die Menschen, die gegen einander gekämpft haben, trennen musste, damit sie nicht wieder gegen einander kämpfen.“

„Was, hier gab es mal Krieg?“ fragt der ältere Herr ungläubig. Er hat wohl damals die Nachrichten verpasst, als 1974 Griechenand Zypern annektieren wollte und die Türkei ihre Armee schickte, angeblich, um den türkischen Teil der Bevölkerung zu schützen. Damit gründeten sie gleich einen neuen, im Rest der Welt nicht anerkannten Staat, die Demokratische Republik Zypern.

Nach einiger Zeit fahren wir weiter Richtung Osten. Die Landschaft wird gebirgiger, kaum ein Dorf gibt es noch. Hinter dem Dorf Dherinia treffen wir auf die Green Line. Wir parken den Wagen auf dem Hügel und steigen aus. Vor uns liegt Famagusta, der ehemalige weltberühmte Badeort, brodelnd und quirlig in den sechziger und Anfang der Siebziger Jahre. Ein Bild des Schreckens bietet sich uns. Hotelbauten, die verfallen und nicht mehr genutzt werden, kaum Autos und Menschen in den Straßen.

„Papa, warum können wir da nicht hin?“, fragt Susann mit traurigem Gesichtsausdruck.

„Weil hier diese Grenze ist und niemand sie überqueren darf“, versuche ich zu erklären.

„Das ist aber doof“, urteilt Susann. Und Jeannett fragt „Und warum stehen da so viele kaputte Häuser?“

„Hier war Krieg“, erfährt Jeannett von mir, „Krieg bedeutet, dass Menschen mit Gewehren und Panzern kämpfen gegen andere Menschen. Dabei gehen viele Sachen kaputt, wie eben die Häuser da drüben.“

„Aber warum machen die sowas?“, will Jeannett wissen.

Was für eine Frage! Die ganze Welt steckt darin. Was soll ich anderes antworten als „Ich weiß nicht, warum.“

Genau kann ich mich noch an die Fernsehbilder in Schwarz-Weiß erinnern, die über die Bildschirme flackerten, als ich kaum älter als zehn war. Die Soldaten im Straßenkampf in einer ehemals blühenden Stadt. Niemand hat es richtig verstanden. Dann, als Famagusta türkisch wurde und nicht mehr Amaxostos, sondern Magosa hieß und nur noch von der Türkei aus erreichbar war, waren die Hotels zerstört und die Touristen weg. Eine Schande.

In unserem Hotel in Larnaca  angekommen, sind die Kinder wieder fröhlich. Aber sie haben gesehen, was Krieg zerstören kann. Wir schlendern noch etwas an der Strandpromenade entlang und begeben uns dann zur Ruhe.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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