Flug in den Süden

Pflegekinder sind selten verreist. Sie haben vielleicht einmal ein paar Tage mit der Heimgruppe an der Nord- oder Ostsee verbracht, aber in der Herkunftsfamilie war Urlaub meist nicht drin. Deshalb ist es immer ein Erlebnis, wenn Pflegekinder mit ihren Pflegeeltern verreisen. Auch wenn unsere beiden Mädel daran gewöhnt sind, mit dem Auto in Deutschland herumzufahren: Was jetzt ansteht, ist außergewöhnlich.

Schon Tage lang wurde Kleid gewaschen und beiseite gelegt. Dann wurden die Koffer gepackt mit leichten Tops und T-Shirts und kurzen Hosen. Keiner der Koffer durfte mehr als 20 Kilo wiegen. Wir bereiten uns auf unsere erste Flugreise vor; das Ziel ist Zypern, die Insel im Mittelmeer zwischen Türkei und Griechenland.

Endlich ist es so weit. Wir schließen die Tür ab und schaffen unser Gepäck zur Bahn. Von dort aus ist es eine Stunde bis zum Flughafen. Die Kinder platzen vor Nervosität und Neugier. Nach der Ankunft endlose Rolltreppen, die zum Abfertigungsgebäude führen. Schließlich stehen wir am Abfertigungsschalter. Unser Flug ist bereits aufgerufen.

„Es ist alles so groß hier“, staunt Jeannett, „aber es stinkt. Was stinkt hier so?“

„Das ist das Flugzeugbenzin“, erkläre ich ihr. „Später im Flugzeug wirst du nichts mehr davon merken.“

Schließlich sind wir dran. Ich präsentiere die Ausweise und die Flugscheine. Die Dame an der Abfertigung schenkt uns ein Lächeln. Wir tun das Gepäck auf die Waage, von wo aus es verschwindet. Susann ist beunruhigt.

„Was passiert jetzt mit unseren Koffern?“, fragt sie besorgt.

„Die werden jetzt ins Flugzeug geladen, damit ihr sie nicht zu tragen braucht“, erklärt ihr lächelnd die Check-In-Angestellte. „Wenn ihr in Zypern nkommt, bekommt ihr sie auf dem Flughafen wieder.“

Susann ist beruhigt. Sie lächelt.

„Das erste Mal?“, erkundigt sie sich bei mir. Ich nicke.

„Na dann, guten Flug und viel Spaß! Ihr Flug geht von Flugsteig acht.“

Wir bewegen uns auf die Sicherheitskontrolle zu und sind gleich dran. Ruth und ich legen unsere Taschen auf das Transportband, das durch den Durchleuchtungsapparat führt.

„Müssen wir unsere Rucksäcke auch da drauf legen?“, fragt Jeannet.

„Klar“, erwidert der Sicherheitsangestellte kurz. Wir lassen die Kinder zuerst durch die Sicherheitskontrolle. Sie stehen mit großen Augen vor dem Bildschirm, der den Inhalt ihrer Rucksäcke zeigt.

„Sieh bloß, Jeannett“, staunt Susann, „Man kann alles in meinem Rucksack sehen! Das Buch, meinen Kamm und sogar mein Kuscheltier!“

„Warum machen die das?“, fragt Jeannett. „Sie sehen ja alles, was ich mitnehme.“

„Ja, Jeannett, das muss sein“, erkläre ich ihr. „Es könnte ja sein, dass jemand etwas mitnimmt und andere damit bedrohen will.“

„So was wie eine Pistole?“

„Genau. Und das ist in einem Flugzeug natürlich gefährlich. Aber es passiert nur ganz selten.“

Während wir im Warteraum sitzen, erkunden die Kinder die Geschäfte und stehen an den Fenstern. Gebannt schauen sie den startenden, landenden und rollenden Flugzeugen zu. Dann ist es so weit. Der Flug wird aufgerufen. Alle Passagiere gehen zum Flugsteig. Die Bordkarten werden kontrolliert, wir laufen durch die angedockte Röhre zum Flugzeug. Die Stewardess begrüßt uns mit einem Lächeln. Wir finden unsere Plätze. Die Kinder sitzen am Fenster. Leise Musik erschallt aus den Lautsprechern. Schließlich sitzen alle Passagiere und die Türen werden geschlossen.

„Ihr müsst euch jetzt anschnallen“, erkläre ich den Mädchen. „Da sind die Gurte, die klickt man über dem Bauch zusammen.“

„Ich will mich aber nicht anschnallen!“, protestiert da Susann. „Ich will rumlaufen und mir alles ansehen!“

Schon hat sie ihren Gurt geöffnet, als die Flugbegleiterin mit freundlichem Blick die angelegten Belts kontrolliert.

„Machst du bitte deinen Gurt wieder zu“, sagt sie ihr freundlich, aber bestimmt. „Wenn wir starten, kannst du dich verletzen, wenn du nicht angeschnallt bist. Schau, alle Leute haben ihre Gurte zu.“

Susann schaut missmutig, aber sie tut, was man ihr sagt. Die Triebwerke heulen auf, die Maschine bewegt sich zur Startbahn und hebt mit rasendem Tempo ab. Susann versinkt in ihrem Sitz, während Jeannett aufrecht sitzend aus ihrem Fenster schaut. Sie ist gebannt. Wir haben Glück, es ist ein wolkenloser Herbsttag.

„Seht doch nur, wie wir über die Häuser fliegen! Jetzt da, der Hafen und die vielen, kleinen Schiffe! Die Autos sehen wie Spielzeug aus!“

Susann reckt sich ein bisschen und blickt auch aus dem Fenster. Es scheint ihr nicht ganz geheuer.

Dann kommt die Servicemannschaft mit Saft und einem Frühstück herum. Beide Kinder essen mit Appetit. Dann vertieft sich Susann in ein Buch, während Jeannett noch immer gebannt aus dem Fenster schaut, jedes vorbei fliegende Flugzeug begrüßt und versucht, festzustellen, wo wir uns gerade befinden.

Nach dreieinhalb Stunden befinden wir uns auf dem Anflug auf Larnaca. Jeannett gerät in Verzückung.

„Da, die ganzen weißen Häuser! Und das Meer, es ist so blau! Und der weiße Strand!“

Der Flieger legt sich in die Kurve, nimmt Kurs auf die Landebahn und Mutter Erde hat uns wieder. Wir verlassen das Flugzeug und schreiten endlose Gänge entlang zum Gepäckband. Die Kinder begutachten jedes einzelne Gepäckstück.

„Es ist immer noch nicht unsers. Aber da, jetzt ist er durch die Klappe gekommen! Ich will ihn vom Band nehmen!“

Da muss ich wohl etwas helfend eingreifen… Aber bald haben wir alle unsere Koffer zusammen und laden sie auf die Trolleys. Dann verlassen wir den bewachten Bereich durch eine automatische Tür. Die Mitarbeiterin des Reiseunternehmens begrüßt uns und geleitet uns zu einem Kleinbus, der uns ins Hotel bringt. Es ist heiß für einen Herbsttag. Im Hotel angekommen, beziehen wir unsere Zimmer. Kaum lohnt es sich, die Koffer auszupacken. Drei Tage werden wir hier im Osten der Insel verbringen und ihn mit einem Mietwagen erkunden.

„Papa, was ist das für eine Sprache, die die Leute hier sprechen?“, erkundigt sich Jeannett bei mir. „Sie sprechen etwas Englisch, das habe ich verstanden, aber was ist das andere?“

„Die Leute hier sprechen griechisch, weil Zypern mal zu Griechenland gehört hat“, erkläre ich. „Es ist eine sehr schöne Sprache.“

„Ja, die Buchstaben habe ich wiedererkannt“, freut sich Jeannett, „Die sind genau wie die in dem griechischen Restaurant, wo wir manchmal essen. Kannst du sie lesen?“

„Nur die Großbuchstaben“, gebe ich zu, „die anderen sind mir auch zu schwierig.“

„Was heißt ‚bitte‘ auf griechisch?“, will Jeannett nun wissen.

“ ‚Parakaló‘ „, übersetze ich.

“ ‚Parakaló‘, ‚Parakaló‘, ‚Parakaló‘ „, übt Jeannett fleißig.

„Und was heißt ‚danke‘?“, erkundigt sich Susann.

“ ‚Ef charistó‘ „, ist meine Antwort.

“ ‚Ef charistó‘, ‚Ef charistó‘, ‚Ef charistó‘ “ intonieren beide nun gemeinsam.

Abends schlendern wir vier noch zum Hafen und essen typisch griechisch. Die Mädchen nehmen ein Suflaki und ein Gyros, wie zu Hause. Ruth und ich lassen es uns mit einer Fisch-Meze und einer Flasche Himiglikos gut gehen. Wir sind gut angekommen.

Zugegebenermaßen: Unsere beiden Mädel haben sich gut geschlagen. So viele neue Eindrücke, der Klimaunterschied. Sie saugen all die Eindrücke begierig auf. Es ist ein Erlebnis, dass sie nicht kennen, das sie nicht einschätzen können. Es hätte schlimmer kommen können: Das Anschnallen im Flugzeug, die Leibesvisitation am Flughafen, all das hätte zu Abwehrhaltungen und Erinnerungen an frühere traumatisierende Situationen wecken können. Aber die positiven Eindrücke waren zu stark, die stressfreie Atmosphäre zu voll von Leichtigkeit des Seins, als dass sie auf trübe Gedanken kommen könnten.

Wir freuen uns auf einen spannenden, anregenden Urlaub in einem mit Geschichte und Naturschönheiten nur so strotzenden Land.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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