Unser dissoziativer Alltag

Der Alltag von Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder ist nie langweilig. Immer gibt es etwas zu entdecken und immer gibt es etwas zum Freuen. Langsam gewöhnen wir uns daran.

In Susanns Zimmer finden wir heute die Umhüllung von unzähligen Pocket Coffees und die dazu gehörige leere Packung in der Küche. Pocket Coffees, das sind mit starkem Bohnenkaffee gefüllte Pralinen, die wir für den Fall langer Autofahrten immer in Reserve haben. Susann hat sie im Küchenschrank ganz oben entdeckt und hat sie offensichtlich geräubert. Dazu brauchte sie notwendigerweise einen Hocker, um dran zu kommen. Das ist kein Hindernis, aber es zeigt, mit welcher Intensität sie danach gesucht haben muss. Später gibt sie zu, dass sie eingentlich nicht geschmeckt haben und sie nach deren Genuss ziemlich nervös war.

Hinter dem Schrank finden wir ein Pausenbrot und, immerhin im Papierkorb, einen verschimmelten Becher mit Joghurt. Positiv ist, dass in dem Chaos ihre Zahnspange wieder auftaucht. Sie kann sie wieder benutzen.

Susann weiß wie immer von nichts. Das glauben wir ihr. Solche Raubzüge sind, folgt man Michaela Huber, Teil ihres traumatisch beeinflussten Persönlichkeitsanteils, der in ihrem „Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteil“ dem Vergessen unterliegt und nicht wahr genommen werden kann. Susann ist traumatisiert und handelt oft in ihrem Persönlichkeitsanteil, der ihr z.B. suggeriert: Du musst dir jetzt etwas zu essen beschaffen, damit du nicht verhungerst!

Für uns Pflegeeltern bedeutet das, dass wir Susann keine „Schuld“ zusprechen können. Wir müssen mit diesen Situationen leben. Nur ein guter Traumatherapeut könnte versuchen, die Persönlichkeitsanteile wieder aneinander zu bringen. Was Susann erlebt hat, war für sie außerordentlich bedeutsam. Sie kann jedoch die Erinnerung daran nicht aushalten. So kommt es, dass sie Handlungen, die mit ihrer Traumaerfahrung in Verbindung stehen, nicht erinnern kann.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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