Mobbing auf der Klassenfahrt

Klassenfahrten sollen die Schüler zusammen bringen, Gemeinschaft stiften, bleibende Erlebnisse sein. Normalerweise verlaufen sie harmonisch und die Schüler erinnern sich gern. Manchmal führen sie aber auch geradewegs dazu, dass die Unterschiede zwischen den Klassenkameraden zementiert werden und ein oder zwei Schüler alles durcheinander bringen.

Auf Susanns Klassenfahrt ist wohl alles daneben gelaufen. Sie hat einen Bluterguss am linken Arm und Wunden an Nase und Oberlippe. So könnte es sich zugetragen haben:

Susann teilt mit weiteren vier Mädchen ein Zimmer. Mit einer ist sie eng befreundet. Eine wird durch die Lehrerin in das Zimmer gelegt. Sie ist sauer. Die anderen beiden sind auf Krawall gebürstet.

„Du alte Schlampe, du Susannseuche!“, brüllt Nicole. Susann geht auf Nicole los. Nicole wirft sie zu Boden. „Warte, ich zeig´s dir“, schreit Nicole. Sie tritt Susann mit dem Schuh ins Gesicht. Susann flüchtet in ein anderes Zimmer. Dort bleibt sie erst einmal, die anderen gewähren ihr Unterschlupf.

Da tobt eine Horde durchs Haus. Fünf Jungen und vier Mädchen dringen in Susanns Zimmer ein.

„Du Schlampe, du hast mir mein Geld gestohlen!“, brüllt einer der Jungen. Aber Susann ist nicht da. Sie kommt dazu, sieht, was los ist und rennt wieder nach oben. Die anderen verfolgen sie. Dort bekommt sie Schutz. Die Tür wird zugehalten.

„Du bist ein ekelhaftes Heimkind“, schimpft die Horde, „keiner will mit dir was zu tun haben, Susannseuche. Wart´s ab, bis wir dich kriegen, du Diebin!“

Endlich erscheint eine der Lehrerinnen. „Ab in eure Zimmer!“, befiehlt sie. „Es ist Mittagspause, da wird Ruhe gehalten!“ Auch Susann geht in ihr Zimmer. Sie bekommt keine Unerstützung, die sie von der Lehrerin so nötig bräuchte. Zum Glück ist es der letzte Tag.

Klassenfahrten bedeutet für Lehrer 24 Stunden am Tag Dienst, immer mit einem Bein im Gefängnis. Dennoch hätte ich erwartet, dass sie Aufsicht führen und darauf achten, dass es zu keinen Gewaltexzessen kommt. Sie sollten die Schwachen integrieren und die Starken in ihre Grenzen verweisen.

Pflege- und Heimkinder haben keinen leichten Stand in einer Klassengemeinschaft. Immer sind sie außergewöhnlich, schon weil sie einen anderen Namen führen als ihre Eltern, aber auch weil sie meist viel mehr schlechte Erfahrungen haben als der Rest der Kinder. Die Schule kann nicht die gesamte Erziehungsarbeit der Eltern ersetzen. Aber etwas Bemühen um Integration dürfte man vielleicht schon erwarten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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6 Antworten zu Mobbing auf der Klassenfahrt

  1. Wortschätzchen schreibt:

    Es tut mir leid, was passiert ist. Allerdings gibt es viele Beispiele in Klassenverbänden, bei denen die Herkunft der einzelnen Kinder keine gesonderte Rolle spielt.

    • lehrergehrke schreibt:

      Hallo, wortschätzchen, das ist genau das Problem an unserem Schulsystem. Alle werden über einen Kamm geschoren, wenn man nicht einfordert, dass Kinder mit schwieriger Herkunft speziell gefördert werden und besondere Berücksichtigung finden. Lehrer wissen oft nichts davon.

      • Wortschätzen schreibt:

        Das ist teilweise richtig, es gibt aber immer mehr gute Konzepte, die auch an staatlichen Schulen umgesetzt werden. Es tut sich was und es wird stetig mehr.

        Ich persönlich habe keine negativen Erfahrungen in Bezug auf die Herkunft der Kinder. Weder bei Pflege- noch bei Ado. Das spielt bei uns ehrlich gesagt keine sonderlich grosse Rolle und es interessiert auch das Umfeld nicht – in Bezug auf Ausgrenzung. Im Gegenteil, es wird eher als spannend empfunden.

      • lehrergehrke schreibt:

        Das ist toll. Wir müssen die Lehrer und Schulleitungen immer wieder daran erinnern, dass es unsere Kinder besonders schwer hatten und wie die Auswirkungen sind; sieh mal hier. Für unsere Kinder ist die Schule unwichtiger als ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen. In so fern ist die Herkunft schon wichtig, wenn sie ihr Verhalten negativ beeinflusst.

  2. Wortschätzchen schreibt:

    Genau, wenn sie ihr Verhalten negativ beeinflusst. Das ist hier nicht der Fall. Und wenn es so wäre, würden wir auch nicht alleine dastehen. Auch in dieser Hinsicht haben wir positive Erfahrungen gemacht. Dank engagierter Lehrer, Sozialpädagogen, Integrationshelfer und pschologischen Psychotherapeuten.

  3. lehrergehrke schreibt:

    Ist das traumhaft! Ich beneide euch!

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