Toben und Kuscheln

Pflegeeltern traumatisierter Kinder müssen ständig auf alles gefasst sein. Eine Achterbahnfahrt ist ein harmloses Ereignis gegen das Leben mit ihnen. heute ist so ein Tag.

Ruth hat sich frei genommen, um sich mit einer Freundin zu treffen. Der Abend gehört nur den Mädels und mir. Eigentlich hatte ich vor, es uns so richtig gemütlich zu machen an diesem lauen Sommerabend. Aber es kommt anders. Susann hat Berge von Müll unter ihrem Bett gesammelt.

„Sammle doch wenigstens das Papier raus und tu es in die Papiermülltonne“, bitte ich sie recht höflich.

„Ich denke nicht dran, warum immer ich!“, tobt sie. „Ich will nicht immer machen müssen, was du mir sagst!“ Die Tür fliegt zu. Es ist still.

Zum Abendessen erscheint Susann. „Susann, ich bin jetzt sauer auf dich“, gebe ich ihr ruhig, aber bestimmt zu verstehen. „Ich mache dir jetzt ein Brot und einen Früchtetee und du kannst hier am Küchentisch essen.“ Jeannett und ich essen auf der Terrasse.

Als wir fertig sind, kommt Susann heraus und kuschelt sich an mich.

„Papa, ich bin so traurig. In der Schule sind alle so böse mit mir. Sie nennen mich Susiseuche. Bin ich wirklich so anders als die?“

„Du bist anders als alle anderen“, versuche ich ihr zu erklären. „Schau, jeder Mensch ist etwas ganz Besonderes. Auch du bist etwas ganz Besonderes. Du liebst es, deine Haare im Wind wehen zu lassen, du bist ganz gefühlvoll und eigentlich möchtest du mit keinem Streit haben. Aber dann siehst du, wie eine Freundin von anderen mies behandelt wird und du möchtest ihr helfen. Das ist auch richtig. Aber dafür lieben dich die anderen nicht. Sie sind feige und fühlen sich nur in ihrer Gruppe stark. Deshalb sagen sie solche gemeinen Sachen.“

„Ja, aber was kann ich denn dagegen machen? Manchmal denke ich, ich müsste sie einfach verdreschen.“, erwidert sie.

„Susann, nicht alle Menschen sind lieb und freundlich. Das ist auch bei Erwachsenen so, die können auch ganz schön gemein sein.

„Ich weiß“, sagt sie traurig, „meine richtige Mama und Papa waren auch oft ganz schön gemein zueinander. Ich habe dann immer Angst bekommen und wollte am liebsten weg.“

„Siehst du, und bei Kindern ist es dasselbe“, fahre ich fort. „Es ist nicht schön, und ich weiß, dass dich so etwas an deine Familie erinnert. Such dir die Kinder aus, die zu dir halten und tut euch zusammen gegen die, die dich nicht leiden können.“

„Ja, das mache ich“, strahlt sie. „Ich weiß auch schon, mit wem ich mich verstehe.“

„Na siehst du, und nun geh ins Bett, es ist schon spät“, beschließe ich die Situation. „Und denk immer dran, dass es viele Menschen gibt, die dich so lieb haben, wie du bist. Mama, ich, Tante Sarah, Oma, all diese Menschen haben dich sehr gern.“

„Bringst du mich noch ins Bett?“, fragt sie  leise, als wollte sie sagen, eigentlich bin ich dafür ja schon zu alt.

Klar, bringe ich sie ins Bett und singe ihr nach den Zähneputzen noch zwei Lieder zur Gitarre. Sie ist glücklich und schläft sanft ein.

Susann schwankt in ihren Gefühlen ständig hin und her. Sie ist eben noch aggressiv und tobt, im anderen Augenblick ist sie anhänglich und emotional und sucht die Liebe der ganzen Welt. Es ist kein Wunder, denn in ihrem Zuhause hat sie sie nie bekommen.

Jugendämter mögen es unprofessionell nennen, aber das einzige, was diese vernachlässigten Kinder brauchen, ist ein sicheres, liebevolles Zuhause, Aufmerksamkeit und Verständnis. Sie erfahren zum ersten Mal bei uns, dass jemand bedingungslos zu ihnen steht. Dann können sie sich so richtig fallen lassen und versuchen, wieder eine Bindung aufzubauen, die ihnen so fehlt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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