Welche Hilfe ist richtig?

Nicht nur Pflegeeltern, auch leibliche Eltern brauchen manchmal Hilfe dabei, mit den Alltagsproblemen in der Erziehung. Pflegeeltern traumatisierter Kinder sind ständig auf der Suche nach angemessener Hilfe, denn die seelischen Verletzungen, die die Kinder mitbringen, machen das Zusammenleben sehr schwierig. Das Jugendamt ist hier in der Pflicht.

Seit einiger Zeit wissen wir durch Seminare, Recherchen und Kontakten zu Therapeuten, dass für unsere Kinder eine Traumatherapie unter Einbindung der EMDR-Methode die richtige wäre. Mehrmals haben wir unsere Sachbearbeiterin beim Jugendamt, Frau Schilling, darauf hingewiesen und verlangt, dass eine solche Therapie finanziell ausgestattet wird.

„Das kann ich nicht beurteilen“, war ihre Stellungnahme, „und eine solche Therapie gehört auch nicht zu den Angeboten unseres Amtes. Wir haben aber eine sehr effektive Erziehungsberatung und ich würde Ihnen dringend raten, diese aufzusuchen.“

Ja, das kennen wir schon. Das Jugendamt hat eine bestimmte Anzahl von Hilfsangeboten, die sicher stellen, dass bei Hilfebedarf darauf verwiesen werden kann. Diese Angebote sind nicht individuell für den Hilfebedarf ausgelegt und deshalb in den meisten Fällen ineffektiv. Wir wissen auch, dass man solche Angebote nicht ungestraft ablehnen darf, um nicht als unkooperativ zu gelten.

Also machen wir einen Termin mit dem Träger der Erziehungshilfe. Als wir ankommen, ist die Sekretärin erstaunt.

„Ich habe hier keinen Termin für sie notiert und der Herr Doktor ist auch gar nicht da.“

Da fahren wir eine halbe Stunde, haben Jeannett dazu überredet, mitzukommen, und nun das.

Die Sekretärin telefoniert mit ihrem Boss. „Herr Doktor ist heute in Neuenkirchen und da haben Sie auch den Termin.“ Unfassbar. Wir haben uns eindeutig notiert, dass der Termin hier stattfindet. „Dann müssen wir einen neuen Termin machen, so in zwei Monaten.“

Diese Stellen scheinen nicht zu begreifen, dass es bei uns brennt. Die Wörter „Trauma“, „Übertragung“ und „Dissoziation“ kommen in ihrem Wortschatz nicht vor. Eine ungeeignete Hilfe, unprofessionell organisiert, das ist mein Eindruck.

Am nächsten Tag treffen wir uns beim Jugendamt mit Frau Schilling, die sich als Unterstützung ihre Vorgesetzte mitgenommen hat. Wir haben Eileen vom Pflegeelternverband als Beistand dabei.

„Waren Sie bei Dr. Stein?“, will Frau Schilling wissen.

Ja“, antworte ich, „aber leider ist diese Institution nicht einmal dazu in der Lage, ihre Termine zu koordinieren. Der nächste Termin könnte in zwei Monaten stattfinden. Das ist für uns völlig undiskutabel.“

„Außerdem“, unterstützt uns Eileen, “ ist diese Form der Hilfe doch alles andere als angebracht. Hier geht es nicht um eine Hilfe für die Pflegeeltern, der Grund liegt in der Traumatisierung der Kinder. Hier muss angesetzt werden. Und deshalb ist eine Traumatherapie für beide Kinder genau das Richtige.“

Die beiden Amtspersonen werfen sich hilflose Blicke zu, die sagen: Mein Gott, was wollen die denn! Wir tun doch alles, was möglich ist.

Frau Schillig ergreift das Wort. „Woher sollen wir wissen, ob diese Therapie, die Sie vorschlagen, die richtige ist? Wir sind keine Fachleute!“

Ich fasse es nicht. Mit so viel Unprofessionalität hätte ich nicht gerechnet. Aber Eileen bleibt erstaunlich ruhig.

„Warum versuchen wir es nicht einmal? Wenn den Kindern damit geholfen wird, ist es doch genau, was wir wollen. Und dass die Kinder einen Therapiebedarf haben, ist doch wohl unbestritten.“

Frau Schilling nimmt jetzt eine andere Wendung, schiebt uns die Verantwortung zu. „Haben Sie denn schon einen Therapeuten?“

„Wie soll das gehen?“, frage ich. „Wir werden keinen Therpeuten suchen, so lange die finanzielle Frage nicht geklärt ist und wir von Ihnen keine schriftliche Zusage haben und die Hilfe nicht in einem Hilfeplan festgelegt ist.“

„Die Jugendhilfe wird für eine Spezialtherapie nicht aufkommen“, mischt sich die Leiterin ein. „Da müssen Sie vorher einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse prüfen lassen. Im Ablehnungsfalle können Sie einen Antrag auf Übernahme durch die Jugendhilfe stellen.“

„Traumatherapeuten“ erklärt Eileen ruhig, „rechnen nicht über Krankenkassen ab, sondern privat.“

„Dann können wir das sowieso nicht genehmigen“, erklärt Frau Schilling bestimmt und mit versteinertem Gesicht.

„Aber sind wir uns wenigstens darin einig, dass ein therapeutischer Bedarf bei den Kindern besteht und dass eine Erziehungsberatung nicht geeignet ist?“, will Eileen wissen.

„Wir können das nicht beurteilen“, wiederholt sich Frau Schilling, „aber Sie können sich ja informieren und dann einen Antrag stellen.“

Wir haben nichts erreicht in diesem Gespräch. Wir bekommen nicht die Hilfe, die angemessen wäre. Das Jugendamt hält eine Reihe von Hilfen vor, die es je nach Bedarf einsetzt und zu billigen Preisen pauschal von freien Trägern einkauft. Alles darüber hinaus wird nicht genehmigt. Der Schwarze Peter liegt nun wieder bei uns.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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