Persönlichkeitsstrukturen

So lange konnten wir jetzt unsere Pflegekinder beobachten, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse. Wir kennen sie besser als jeder sonst. Wir tragen Konflikte aus, für die die Gründe in ihrer Vergangenheit liegen. So langsam formt sich für mich aus allem ein Bild. Es hilft mir zu verstehen und zu helfen.

Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder

Die Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder ist beeinflusst durch ihre Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, also Vernachlässigung und Missbrauch. Sie bedingten ein bestimmtes Verhalten: Nahrungsbeschaffung um jeden Preis, Vermeidungsstrategien, distanzloses Verhalten gegenüber Fremden. Diese Erfahrungen und das erlernte Verhalten schlagen auf die Gegenwart durch. Sie entwickeln eine unbewusste Schattenseite, die fortan Teil ihrer Persönlichkeit ist. Die spaltet das Kind jedoch ab. Es behauptet in der Therapie: „Das bin ich doch gar nicht!“ Deshalb ist es so schwer, diese unbewusste, verdrängte Seite zu heben. Sie bleibt meist abgespalten von der Gegenwart. Der Zugang bleibt verwehrt. Nur eine Traumatherapie kann ihn öffnen.

In der Gegenwart zeigt das Kind jedoch Freude und Zuneigung, die sich jedoch mit den durchschlagenden Erfahrungen und dem entsprechenden Verhalten innerhalb von Minuten abwechseln können. Es kommt dann zu Dissoziationen oder Übertragungen von Erfahrungen und Situationen auf die gegenwärtige Bezugsperson, also die Pflegemutter oder den Pflegevater. Das Kind vermittelt zwar den Eindruck, nur im Hier und Jetzt zu leben und blendet die Vergangenheit völlig aus. Tatsächlich aber ist es ständig von seiner Vergangenheit beeinflusst. So kommt es zu unerklärlichen Sachbeschädigungen, Diebstähle. Um diese zu vertuschen, aber auch weil die Erinnerung in der anderen, unbewussten Persönlichkeit liegt, lügt und leugnet das Kind. Daher ist es auch nicht schuldfähig; eine Einsicht kann nicht erwartet werden.

Situation in der Pflegefamilie

Konkret wurde das Kind vielleicht angehalten, Geheimnisse zu hüten, also Fehlverhalten der Eltern nicht preis zu geben, was bei ihm eine andauernde emotionale Vereinsamung bedingt. Dieser Zwang führt dazu, dass das Über-Ich, die normierende Instanz, ausgeschaltet wird. Immer wieder kommt es zu Normverletzungen, die als solche nicht gesehen werden. Das Kind hat diese Normverletzungen ja für überlebenswichtig erfahren und kommt dadurch natürlich in einen Konflikt mit der Anpassungsleistung, die es in der Pflegefamilie, aber auch in der Schule und im Freundeskreis zu erbringen hat und aus der ihm Vorteile in Form von positiver Zuwendung erwächst, die es so dringend nötig hat. Erbringt es diese Anpassungsleistung nicht, kann das jedoch bedeuten, dass die bisher erfahrene negative Zuwendung und Aufmerksamkeit (Nichtachtung, Strafe) sich verstetigt und immer wieder provoziert wird.

Für die Pflegefamilie bedeutet das, dass sie in der ständigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der traumatisierten Kinder steht. Ständig ist sie konfrontiert mit dissoziativen Situationen, in denen die Kinder aus der Gegenwart zu verschwinden scheinen und in ihrer Vergangenheit leben, Diebstählen zum Erhalt der Nahrungsgrundlage, auch wenn es genug zu essen gibt und unmotivierten Wutausbrüchen, in denen das Kind die Wut auf die Herkunftseltern auf die Pflegeeltern überträgt, dicht gefolgt von Phasen der Zuneigung und Einsicht. Diese Situation bedingt Stress für die gesamte Pflegefamilie und führt manchmal auch zum Abbruch des Pflegeverhältnisses. Das jedoch ist für alle Beteiligten die schlechteste Variante und hinterlässt Spuren bei allen Beteiligten. Besonders bei den Pflegekindern kommt es zu einem erneuten Bindungsabbruch und kann das ganze Leben negativ beeinflussen.

Deshalb kann man Pflegeeltern mit traumatisierten Pflegekindern nur empfehlen, sich so früh wie möglich nach einer professionellen Traumatherapie für die Kinder und für sich selbst nach einer guten Supervision umzusehen, um die Familie zu stabilisieren, auch wenn das bedeutet, in Auseinandersetzung mit dem zuständigen Jugendamt zu gehen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Persönlichkeitsstrukturen

  1. LadySolana schreibt:

    Ich wollte Sie fragen ob es möglich ist mit Ihnen in Kontakt zu treten.
    Vielleicht können Sie mir weiterhelfen

  2. lehrergehrke schreibt:

    Hallo, LadySolana, bitte schicken Sie mir eine e-mail auf beratung-traumakinder@arcor.de. Alles Gute, rg

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