Schulprobleme

Nahezu alle Pflegeeltern kennen die Situation: Die Lehrerin ruft an und beschwert sich über das Verhalten oder die Leistungen des Pflegekindes. Haben Lehrer Recht, wenn sie das tun? Sollen Pflegeeltern ihre Pflegekinder schützen?

Heute ist so ein Tag. Die Lehrerin ruft an. Susann habe die Federtasche einer Klassenkameradin auf dem Klo versteckt, worauf hin diese unwiederbringlich verschwand.  Außerden hat Susann das Mathe-Arbeitsblatt, das sie zu morgen bearbeiten soll, nicht da. Also versuchen wir das zu klären.

„Susann“, beginne ich, „wie war das mit der Federtasche? Was ist da passiert?“

Susann lässt den Kopf hängen. „Ich weiß auch nicht. Die anderen haben mich angestiftet, und dann hab ich´s einfach gemacht. Sonst hätten sie mich womöglich verprügelt.“

„Susann, was sagt deine Mitschülerin jetzt dazu? Ich glaube, du hast keine Freundinnen gewonnen, sondern eine verloren.“

„Ja, kann sein. Ich kann mich ja bei ihr entschuldigen.“

„Und du musst ihr eine neue kaufen. Von deinem Taschengeld.“

Susann nickt unmerklich.

Dann geht´s an die Hausaufgaben. In Susanns Aufgabenheft steht bei Mathe: „Arbeitsblatt beenden“. Aber das Arbeitsblatt ist verschwunden.

„ich habe es in der Schule unter dem Tisch vergessen“, gibt Susann zu. Also beginnen wir in aller Ruhe, Susanns Zimmer aufzuräumen. Und siehe da: Das Arbeitsblatt erscheint! Die Matheaufgaben sind gerettet.

Was sind die drei wichtigsten Aufgaben der Pflegeeltern an solchen Alltagen?

  1. Ruhe bewahren.
  2. Verständnis zeigen.
  3. Unterstützen.

Es nutzt nichts, zu ermahnen, zu verzweifeln, die Geduld zu verlieren. Traumatisierte Kinder handeln anders. Wir wissen, dass sie sich hinterher nicht mehr an ihr Verhalten erinnern können. Bei Susann ist die moralische Instanz, die die Psychologen „Über-Ich“ nennen, kaum ausgeprägt. Deshalb müssen Pflegeeltern den Lehrern erklären und ihre Kinder schützen.

Traumatisierte Kinder können nicht dieselben Leistungen erbringen wie normal entwickelte Kinder. Die Welt in ihrem Kopf ist chaotisch und sie können sie nicht ordnen. Sie brauchen die Hilfe der Erwachsenen und von Fachleuten dazu. Für solche Kinder ist das Schulsystem nicht ausgelegt. Aber sie haben ein Recht auf Gleichbehandlung und Verständnis.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Schulprobleme

  1. Franziska Birmes schreibt:

    Hallo Daddycool,

    Es ist so schön zu lesen wie ihr und auch die Kinder sich im letzten Jahr verändert haben. Das theoretische Wissen hattet ihr schon immer, aber jetzt merke ich das es Teil eurer Praxis geworden ist, ohne es sich ständig als Theorie in den Kopf zu rufen.

    Klasse, macht weiter so 🙂
    Liebe Grüße
    Franzi

  2. lehrergehrke schreibt:

    Danke, es tut gut, das zu hören. Wir sind schon viel lockerer und professioneller geworden.

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