Geburtstagsnachfeier in Hameln

Wenn jemand an seinem Geburtstag krank ist oder er mitten in der Woche liegt, feiert man ihn nach. Und jeder, der das tut, befindet sich in der guten Gesellschaft der englischen Königin, die ihren Geburtstag, der mitten im Winter liegt, regelmäßig im Sommer nachfeiert.

Warum also sollen wir Susanns Geburtstag, der so missglückt ist, nicht nachfeiern? Die Szenerie ist harmonisch. Wir fahren nach Hameln und treffen Ruths Familie. Schon im Auto sind Jeannett und Susann voller hoffnungsfroher Erwartung.

„Ich freu mich so“, strahlt sie,“ das ist viel besser als mein richtiger Geburtstag, wenn alle da sind, Oma, Tante Sarah und Tante Erika.“

Als wir ankommen, gibt es erst einmal ein großes Abendessen mit allem, was wir aus Hameln kennen: Mettwurst, Hackepeter oder „Feuerwehrmarmelade“, wie sie dort für die Kinder heißt, Schmalz und Knackwurst aus der Dose. Man erzählt sich die neuesten Geschichten aus der Familie, die Kinder hören gespannt zu. Dann folgt die große Bescherung für Susann. Oma hält für Susann einen unten Hula-Hupp-Reifen als Geschenk bereit. Susann probiert ihn sofort , als hätte sie vorher nie etwas anderes getan. Von Tante Erika, die trotz ihres hohen Alters noch fit ist, gibt es einen selbst gestrickten Pullover, von Tante Sarah eine neue Puppe, zu der Tante Erika aus den Wollresten ein paar Röckchen und Pullover gestrickt hat. Susann strahlt vor Freude.

„Wie soll denn nun dein Püppchen heißen?“, fragt Tante Erika neugierig. Susann überlegt einen Moment.

„Sie soll Sarah heißen“, schießt es dann aus ihr heraus. Alle applaudieren anerkennend, selbst Jeannett, und Tante Sarah wird etwas rot im Gesicht.

„Ich bin schon müde“, meldet sich Jeannett, „ich geh ins Bett.“

„Ich auch“ stimmt Susann lächelnd zu, beide verabschieden sich brav und verschwinden auf den Dachboden, wo sie, wenn es im Frühling schon warm ist und sie so gern nebeneinander auf den Matratzen schlafen.

Am nächsten Tag gibt es ein Frühstück für alle mit Schinken und Eiern. Die Mädels bekommen zur Feier des Tages einen großen Becher Kakao und er kann nachgefüllt werden. Auch Oma, der das Haus gehört, ist guter Dinge. Sie streift durch den Garten, genießt die Sonne und hat eine gute Idee.

„Wollen wir nicht mal grillen, so wie es Opa immer in der Laube gemacht hat?“, fragt sie mich. „Ich habe da noch ein paar Würstchen und etwas Grillfleisch im Kühlschrank.“ Klar stimme ich zu.

Als es auf Mittag zu geht, wird der Grill angeheizt, der in der offenen Laube steht. So wie es Opa immer machte, als er noch lebte. Ich bin stolz, seine Rolle übernehmen zu dürfen. Jeannett und Susann stehen dabei.

„Darf ich auch mal ein paar Würstchen wenden“ , fragt sie mich. „Au ja, ich auch!“, schaltet sich Susann ein. „Klar, Jeannett wendet die Würstchen und Susann die Fleischscheiben. Aber seid vorsichtig, es ist heiß.“

Vorsichtig, aber ziemlich professionell tun sie ihre Arbeit und strahlen ob der Verantwortung, die sie übertragen bekommen haben. Nach kurzer Zeit beginnen sie gemeinsam damit, den Tisch in der Laube zu decken. Alle versammeln sich wieder und ich versorge sie mit dem Grillgut. Natürlich gibt es Pommes rot-weiß für die Kinder. Sie sind entzückt.

Nachmittags beschließen wir, die Frühlingssonne zu genießen. Wir schlendern in die Altstadt, wo das Denkmal des Rattenfängers steht und das alte Rathaus unsere Bewunderung auf sich zieht. Danach gehen wir an der Weser spazieren. Die Kinder tollen herum und freuen sich an der Sonne.

Wieder zu Hause, gibt es Kaffee und Kuchen. Es ist eine schöne, lockere Atmosphäre. Die Kinder gehen zur Pferdekoppel und vergnügen sich dort. Bald sind sie hier auch bekannt als die Kinder, die von weit her kommen und bei ihrer Oma zu Gast sind.

Abends dürfen sie fernsehen, bis sie ins Bett gehen. Das ist immer etwas besonderes, das zu Hause nicht so oft vorkommt. Der Rest der Familie unterhält sich angeregt, bis der Abend fortgeschritten ist und alle sich zur Ruhe begeben.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück fahren wir heim.Wir verabschieden uns, die Kinder werden in den Arm genommen. Sie gehören zu unserer Familie.

„Es war so schön!“, freut sich Susann während der Fahrt. Auch Jeannett stimmt freudestrahlend zu.

„Das Schönste finde ich, dass ich jetzt ein Kind habe. Sarah ist jetzt mein Kind.“ Und sie wiegt die Puppe in ihren Armen.

Wenn ich daran denke, was Susann schon durchgemacht hat, finde ich es erstaunlich, dass sie es schafft, ihrem „Ersatz“kind Liebe geben kann. Versucht sie etwas aufzuarbeiten und besser zu machen?

„Wißt ihr, was ich am Schönsten finde?“, bemerke ich, während ich den Gang wechsle. „Ihr habt euch nicht einmal in Hameln gestritten.“ Beide lächeln, Jeannett nimmt ihre kleine Schwester in den Arm. Sie gehören zusammen und beide zu uns, das kann niemand bestreiten.

Die Reise nach Hameln hat uns näher zusammen gebracht. Es war Familie zum Anfassen, wie es sein sollte, jeder steht für den anderen ein. Harmonisch und ruhig. Familie kommt nicht vom Himmel gefallen oder ist genetisch bedingt. Zwar ist es die stärkste Bindung, die Menschen haben können, aber jeder macht mit seiner Familie die ersten Bindungserfahrungen. Wer in der Kindheit vernachlässigt oder missbraucht wird, hält das für die Normalität.

Für traumatisierte Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, ist Harmonie und Liebe erst einmal keine Normalität. Vielleicht macht es ihnen Angst und sie versuchen, die alte Situation zu provozieren. Es dauert Jahre, ehe sie die Situation begriffen haben und eine Bindung aufbauen; manchmal gelingt es ihnen nie.

Daran aber denken wir im Moment nicht. Wir freuen uns einfach an der Harmonie und genießen sie in vollen Zügen. Es war ein glückliches Wochenende.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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