Der verpfuschte Geburtstag

Geburtstage sind für Pflegekinder von großer Wichtigkeit. Endlich stehen sie im Mittelpunkt und bekommen die Aufmerksamkeit, die sie sich immer wünschen. Denn in ihren Herkunftsfamilien waren Geburtstage nicht immer schön, es gab keine Geschenke oder der Anlass wurde ganz vergessen.

In unserer Familie gibt es zum Geburtstag einen Geburtstagstisch mit einigen Wunschgeschenken aber auch praktisch-schönen Dingen wie schön anzusehenden Kleidungsstücken oder fetzigen Stiften. Dann gehen wir zu Ehren des Geburtstagskindes in einen Wunschfilm oder etwas essen.

Heute macht uns aber etwas die Geburtstagslaune kaputt. Ruth findet in Susanns Hosentasche jede Menge Kleingeld.

„Susann, wo ist das Geld her?“, fragt sie sie.

Susann senkt den Kopf. „Weiß ich nicht.“

„Du musst doch wissen, woher das Geld ist“, insistiert Ruth.

Schweigen.

Wir nehmen uns Susanns Zimmer vor und werden fündig. Die kleine Dose, in der Ruth an der Waschmaschine das Kleingeld aus allen Hosentaschen sammelt, steht auf Susanns Schreibtisch, leer. Es ist eindeutig. Sie hat das Geld an sich genommen.

Wir beschließen, den Kinobesuch ausfallen zu lassen. Ruth ist sauer. Das können wir nicht einfach so ohne Folgen vorbei gehen lassen. Susann knallt die Tür zu ihrem Zimmer zu und vergräbt sich. Wenig später erscheint sie in der Küche und knallt uns einen Zettel auf den Tisch. Er ist groß, ein Teil einer Wundertüte.

Susanns erster Brief

„Jetzt könnt Ihr mir ja sagen, was wir kucken wollten“, steht da in ungelenken Buchstaben. Unterzeichnet ist er mit „eure Scheiß-Kuh Susann“.

Wir hatten aus dem Film eine Überraschung gemacht. Jetzt sind wir bestürzt über ihre Reaktion. Wir müssen einmal mehr erkennen, wie gering ihr Selbstbewusstsein ist. Sie fühlt sich schuldig.

Es dauert eine Stunde und Susann kommt in die Küche. Sie legt uns wortlos einen neuen Brief hin.

 

Susanns zweiter Brief

„Ich wollte mich entschuldigen, weil ich geklaut habe“, steht dort. „Es tut mir ganz, ganz, ganz doll leid. Ich wollte euch fragen, ob ihr die Entschuldigung annehmt?“ An der Seite steht „Eure Tochter Susann“.

„Setz dich mal hin“, sagt Ruth leise. Jeannett ist nicht dabei, obwohl sie mit betroffen ist. Aber das geht nur uns drei etwas an.

„Wir finden es ganz toll, dass du dich entschuldigst“, beginne ich. „Du hast eingesehen, dass du einen Fehler gemacht hast, oder?“

Susann nickt mit gesenktem Kopf.

„Wir nehmen deine Entschuldigung an, du bist ja unsere Tochter. Aber du musst auch einsehen, Susann, dass uns jetzt nicht mehr danach ist, ins Kino zu gehen“, fahre ich fort. „Also freu dich an deinen Geschenken.“

Nach einer Pause des Schweigens beginne ich erneut.

„Was lernst du daraus, Susann?“

„Dass ich nicht klauen darf“, sagt sie leise.

„Und dass alles, was man tut und sagt, Folgen hat“, ergänze ich.

Susann nickt erneut. Wir umarmen uns zu dritt. Susann bleibt heute Abend in ihrem Zimmer. Der Abend vergeht ruhig.

Mir fällt auf, dass wir immer neue Formen finden, um mit solchen Situationen umzugehen. Wir wissen, dass Susann meist gar nichts mehr von dem weiß, was sie getan hat. Wenn sie dissoziiert, ist sie eine andere Persönlichkeit. Sie fällt zurück in ihr Verhalten aus der Zeit, als sie vernachlässigt und missbraucht wurde.

Aber dürfen wir sie deshalb nicht mehr auf ihr Handeln aufmerksam machen? Müssen wir alles ertragen? Ist es nicht eben gerade eine Form von Therapie, ihr ihr Fehlverhalten bewusst zu machen?

Irgend jemand sagte uns mal, dass der eigentliche Teil der Therapie bei uns zu Hause stattfindet. Wir müssen lernen, uns selbst nicht mehr so betroffen zu fühlen. Susann fehlt eben diese innere Kontrollinstanz. Es ist unsere Aufgabe, diese Kontrollinstanz aufzubauen, Stück für Stück und über eine Zeitspanne von Jahren. Heute haben wir wohl einen erheblichen Teil dazu geleistet. In dieser Hinsicht ist dieser Tag doch noch ein guter Tag, wenn auch kein lupenreiner „Geburtstag“.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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