Die Angst vor der Trennung

Einige Pflegekinder leben unter der ständigen Angst, von ihrer Pflegefamilie getrennt zu werden. Daran sind die Jugendämter nicht unschuldig, wenn sie auf Besuchskontakten mit der Herkunftsfamilie bestehen und vielleicht sogar die Rückführung vorbereiten. Besonders traumatisierte Pflegekinder trifft diese Befürchtung schwer und macht ihr ganzes Bemühen, eine Bindung zu den Pflegeeltern aufzubauen, zu einem ungeahnten Wagnis.

Susann bringt heute eine Zeichnung mit von der Therapie. Sie schockiert uns alle.

Auf der Vorderseite des Blattes, das an den Rändern gezackt eingeschnitten ist,sind links zwei erwachsene Personen zu sehen. Sie sind mit „Mama“ und „Papa“ überschrieben. „Mama“ sagt in einer Sprechblase „Ha auf wiedersehen“ und „Papa“ „Auf Wiedersehen“. Die linke, kleinere Person mit traurigem Gesichtsausdruck ist „Susann“ überschrieben. Sie weint und sagt “ auf wiedersehen“. Regen fällt, Blitze zucken. Auf der Rückseite ist eine jugendliche Person zu sehen, die Jeannett darstellt und sagt „HaHaHa auf wiedersehen“.

Susann hat sich schon immer mit Zeichnungen besser ausdrücken können als verbal. Aber die Aussagekraft dieser Zeichnung sprengt alles bisher Dagewesene und drückt die ganze Angst aus, die Susann umtreibt. Sie scheint zu meinen, dass sich alle außer mir in der Familie darüber freuen würden, wenn sie gehen würde. Susann kennt die Belastung, die sie für unsere Familie darstellt, aber sie kann so wenig dagegen tun. Zugleich spiegelt diese Zeichnung ihre ganze Angst wider, dass es einmal so weit kommen könnte.

Was machen wir falsch? Wir zeigen ihr doch nicht, dass sie bei uns unerwünscht ist. Sie ist es ja auch nicht. Aber Susann ist mit ihren Problemen wirklich eine Belastung für uns.

Zugleich macht Susann klar, dass beide Mädchen um unsere Zuneigung und Aufmerksamkeit kämpfen und wie stark sie konkurrieren. Susann hat Angst, den Kampf zu verlieren.

Für uns bedeutet das, dass wir Susann noch mehr zeigen müssen, dass sie bei uns willkommen ist, dass sie sich auf uns verlassen kann und dass sie dazu gehört. Zugleich aber tut sie alles dafür, sich ins Abseits zu stellen. Wir haben keine Ahnung, wie das weiter gehen soll.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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