Die Meinung der Fachleute

Pflegeeltern allein können manche Situationen nicht schultern. Sie wissen zu wenig und sind emotional zu sehr beteiligt. Das Verhalten von Pflegekindern wirft ihre gesamte Sozialisation über den Haufen. Sie kennen keine Erfahrungen, wie ihre Kinder sie machen mussten.

Also holen wir uns Hilfe. Wir konfrontieren Frau Meyer-Frankenfeldt, Susanns Therapeutin, befragen wir zuerst.

„Es ist ganz wichtig, dass Sie nicht so betroffen sind“, versucht sie, uns zu beschwichtigen, als wir ihr ihr von Susanns Ritzerei an der Haustür erzählen. Sie hat Nerven! Es ist ja nicht ihre Haustür. Es würde uns interessieren, was sie in diesem Fall sagen würde. Aber sie erklärt.

„Sie haben gelernt, was richtig und falsch ist. Die Mädchen haben so gut wie kein Über-Ich, keine moralische Instanz. Es ist ihnen nie vermittelt worden. Sie haben nur eine Möglichkeit: Thematisieren, Reden, Überzeugen. Vielleicht wäre es auch eine Variante, Jeannett für eine Weile weg zu geben, damit Sie wieder zu sich finden.“

Das wollen wir überprüfen. Also rufen wir noch am selben Tag Frau Wehrmann an, unsere ehemalige Sachbearbeiterin. Mit Frau Schilling können wir so sensible Themen nicht besprechen. Uns fehlt das Vertrauen in ihre Empathie.

„Susann kämpft um sie“, interpretiert sie unsere Schilderung der letzten Tage. „Sie will unbedingt bei Ihnen bleiben, aber sie kann es nicht ausdrücken. Deshalb startet sie alle möglichen unsinnigen Aktionen, um Sie auf die Probe zu stellen. Eigentlich will sie bloß ihre Aufmerksamkeit, sie will wissen, ob Sie wirklich bedingungslos zu ihr stehen.“

„Vielleicht wäre es eine Variante, Jeannett für eine Weile wegzugeben?“, deute ich an.

„Das halte ich nicht für eine gute Idee“, erwidert sie. „Das ist genau, was sie will, dann hätte sie ihr Ziel erreicht und sie hätte die Bestätigung dafür, dass sie unerwünscht ist.“

„Aber auch wir haben unsere Grenzen“, wende ich ein.

„Ach, wissen Sie“, räsoniert sie, „es gibt so viele Pflegeeltern mit den Problemen, wie sie sie haben, und viele haben nicht den Bildungshintergrund und die Erfahrungen wie Sie. Ihr Erfolg steht und fällt mit der Frage, ob Sie sich Hilfe holen. Sie brauchen unbedingt eine Supervision. Das müssen Sie bei Ihrem zuständigen Jugendamt beantragen.“

Wir sind uns dessen bewusst: Beantragung von Supervisionen werden von manchen Jugendämtern als Eingeständnis des eigenen Versagens interpretiert.

Haben uns die Ratschläge der Fachleute nun weiter geholfen? Sie haben ja Recht, sie sind auch guten Willens, aber sie können sich nicht richtig in unsere Situation hinein versetzen. Ich glaube, wir müssen die Kinder an dem Entwicklungsstand abholen, an dem sie stehen. Das heißt, wir müssen Susann als Vierjährige akzeptieren.

Das Ganze ist aber viel komplizierter. Susann versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie meint, wir kümmern uns zu häufig um Jeannett. Sie will uns für sich, einzig und allein. Und sie weiß, dass das nicht geht.

Wie auch immer wir es drehen und wenden: Es war verkehrt, die beiden in dieselbe Familie zu vermitteln. Nun sind bereits fast vier Jahre vergangen und die Zeit ist nicht zurückzudrehen. Beide haben bei uns ihre Heimat gefunden. Wir könnten uns vorstellen, dass eins der Mädchen in einer befreundeten Pflegefamilie aufgenommen wird und wir mit ihr in ständigem Kontakt bleiben würden. Aber das bedeutete einen erneuten Bindungsabbruch, ein neues Eingewöhnen. Am Wichtigsten: Das Jugendamt lässt sich auf solche Gedanken nicht ein. Bei einer Inobhutnahme, die das ja nun rechtlich bedeutete, wären wir ohne Einfluss. Das wäre das Letzte was wir wollten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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