Das beste Stück ist hin

Jeder kennt das. Es gibt Dinge, die man nicht verleiht oder weggibt. Die man ganz für sich behält und auf die man stolz ist an denen eine Erinnerung hängt. Jeder weiß es und respektiert diese Wertschätzung.

In unserem Fall ist es ein Füllfederhalter, ein besonders guter, mit einer Goldfeder und einer goldenen Kappe. Ich habe ihn ihr einmal zum Geburtstag geschenkt und sie benutzt ihn nur zu hohen Anlässen, um z.B. einen besonders schönen Brief zu schreiben. Sie verwahrt ihn in der Eckbank der Küche, dort wo ein Aufbewahrungsfach unten angebracht ist, zusammen mit vielen anderen Schreibgeräten. Die Kinder wissen das und haben es bis heute auch respektiert.

Heute findet Ruth nachmittags eben diesen Füller, achtlos unter Susanns Schreibtisch geworfen. Die Feder ist krumm und unbrauchbar.

Ruth sitzt am Küchentisch und hat es schwer, die Tränen zurückzuhalten, vor sich den Füller. Ich verstehe sofort und sie erzählt mir, wo sie ihn gefunden hat.

Als Susann vom Hort nach Hause kommt, sieht sie diese Szene. Sie bleibt stumm, den Kopf gesenkt, alle Blicke vermeidend.

„Susann, möchtest du uns etwas sagen?“ frage ich sie eindringlich.

Susann bleibt stumm.

Ich werde konkreter.

„Der Füller lag in diesem Zustand unter deinem Schreibtisch. Du weißt, dass es Ruths Lieblingsfüller ist.“

„Jeannett hat den Füller zu mir ins Zimmer geschmissen, dabei ist er kaputt gegangen“, versucht sie sich zu rechtfertigen.

„Susann“, erwidere ich ruhig, „das stimmt doch nicht. Du weißt, dass es nicht stimmt. Es wird sich herausstellen, wenn wir Jeannett danach fragen.“

Susann macht einen zweiten Versuch. „Jeannett hat mir den Füller gegeben, weil meiner verschwunden ist.“

Mir reicht es jetzt.

„So, Susann“ sage ich mit bestimmte Ton, „Geh jetzt in dein Zimmer und überleg dir genau, was die Wahrheit ist. In einer halben Stunde spätestens erscheinst du wieder hier und sagst uns die Wahrheit.“

Susann steht auf, wendet sich um und lässt die Tür zu ihrem Zimmer knallen.

„Warum macht sie das mit mir?, schluchzt Ruth. Warum tut sie mir das an? Ich habe ihr doch gar nichts getan!“

Ich nehme Ruth in den Arm, halte ihre Hand.

Ich weiß, wie sehr du deinen Füller liebst“, versuche ich sie zu trösten. „Natürlich hat sie den Füller aus der Eckbank genommen. Wir wissen es, sie weiß es. Aber ich glaube, sie lügt nicht bewusst. Sie hat Angst davor, dass sie entdeckt wird, sie hat Angst vor Folgen, und deshalb versucht sie die Schuld erst einmal auf Jeannett zu schieben. Vielleicht glaubt sie sogar in dem Moment, in dem sie es sagt, dass sie nicht schuld ist.“

„Du nimmst sie immer in Schutz!“, wirft mir Ruth vor. „Was ist denn mit mir? Warum muss ich mir so was bieten lassen?“

„Nein“, gebe ich zurück, „ich bin ganz auf deiner Seite. Natürlich ist es Susanns Schuld. Es wäre schon viel, wenn sie sich bewusst würde, dass sie allein die Schuld dafür trägt und wenn sie sich entschuldigen würde.“

„Davon wird der Füller auch nicht wieder ganz“, resigniert Ruth.

Da – die Tür zu Susanns Zimmer öffnet sich. Sie betritt die Küche, mit gesenktem Kopf.

„Ihr habt Recht. Ich habe den Füller aus der Sitzbank genommen. Mein Schulfüller ist kaputt gewesen und ich brauchte einen Füller. Da habe ich den einfach genommen. Ich wusste ja, dass da Mamas Füller ist. In der Schule ist er dann kaputt gegangen. Ich möchte mich entschuldigen.“

Eine komplette, triftige Erklärung. Aus Susanns Sicht logisch und nicht zu beanstanden. Sie kennt ja keine Schuld, aber sie weiß aus der Erfahrung, die sie bisher gemacht hat, dass daran etwas nicht stimmt und daraus Folgen erwachsen. Sie lügt, dass sich die Balken biegen, nur um die Konsequenzen nicht ertragen zu müssen. Wer weiß, wie die in ihrer frühesten Kindheit ausgesehen haben mögen.

Susann befindet sich in einem unbeschreiblichen Konflikt. Sie ist mit den Forderungen der Schule konfrontiert, immer ihr Schreibzeug dabei haben zu müssen. Andererseits hat sie nicht das geringste Verhältnis zu ihren Schulsachen und ihrem Eigentum überhaupt. Sie verliert einen Turnschuh, den Füller, ihre Federtasche, ohne nur die geringste Ahnung zu haben, wo sie sein könnten. In ihrer Herkunftsfamilie wurde sie vielleicht hart bestraft, auch körperlich, wenn sie Dinge kaputt gemacht hat oder hat verschwinden lassen. Wir wissen aus ihren Erzählungen und panischen Reaktionen, dass sie eingesperrt worden ist. Weil sie dieses Gefühl der Wertschätzung gegenüber besonders wichtigen Gegenständen nicht hat, überträgt sie diese Einstellung auch auf andere Personen. Andererseits möchte sie uns als den wichtigsten Personen in ihrem Leben gefallen und möchte so sein wie wir. Weiß sie überhaupt, warum Ruth ihrem kaputten Füller nachtrauert? Sie begreift nur, dass Ruth tief traurig ist und das macht sie auch betroffen. Aber kann sie dieses Gefühl überhaupt nachvollziehen? Zweifel sind angebracht.

Susann lügt, aber sie lügt, um Konsequenzen ihres Handelns zu vermeiden. Das ist in gewisser Weise verständlich. Dabei erfindet sie die abstrusesten Geschichten, die es überhaupt gibt, nur um die Schuld auf jemand anderen zu lenken.

Wie sollen wir als Pflegeeltern mit diesem Problem umgehen? Sollen wir sie bestrafen für eine Handlung, die für sie ganz logisch und nachvollziehbar ist? Was würden wir damit erreichen, wenn sie sich selbst doch gar keiner Schuld bewusst ist? Würden wir sie dann verlieren? Das wäre riskant.

Wir beschließen, ihr noch einmal unsere Position klar zu machen und ihr eindringlich zu verdeutlichen, dass sie mit ihrer Handlung einen Menschen verletzt hat und dass es unsinnig ist, sich mit Lügengeschichten zu versuchen, sich herauszuwinden. Wir wollen dort ansetzen, wo wir sie vielleicht erreichen können: bei ihrer Zuneigung und Wertschätzung gegenüber uns. Es ist sinnlos, sie nun weniger Wert zu schätzen. Sie gehört zu uns und wir müssen sie so akzeptieren, wie sie ist.

Jugendämter geben den Pflegeeltern in solchen Situationen häufig den Rat, „professionell“ zu regieren. Was sie meinen, ist die Ausschaltung der Emotionen. Aber sie sollen uns das mal vormachen, wenn es, wie in diesem Falle, um lieb gewordene Gegenstände und Erinnerungsstücke geht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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