Besuch im Knast?

Pflegeeltern werden vor immer neue Aufgaben gestellt. Jetzt besteht der Kindesvater auf Umgangskontakten, obwohl er inhaftiert ist. Wir fragen uns, wie das gehen soll. Sollen wir mit den Kindern im Besucherraum sitzen? Sollen wir die Sicherheitsuntersuchung über uns ergehen lassen? Wie werden die Kinder reagieren? Werden sie nicht zusätzlich zu den Erfahrungen aus ihrer Kindheit traumatisiert  und ist ihnen das alles zuzumuten? Wir werden dem mit Sicherheit nicht zustimmen.

Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, hat immer eine Lösung, wenn es um die Rechte der leiblichen Eltern geht. In diesem Fall arrangiert sie einen Termin im Jugendamt. Wir haben mit den Kindern zu erscheinen und auch sie wird anwesend sein.

Die Kinder lassen alles über sich ergehen. Sie wehren sich nicht, aber sie freuen sich auch nicht. Sie sind einfach teilnahmslos. Im Auto während der Fahrt herrscht Stille. Keine Gespräche, keine Streiterein. Als wir eintreffen, ist niemand da – außer Frau Schilling. Sie erklärt uns, dass es auf der Autobahn einen Stau gegeben hätte und der Gefangenenransport deshalb verspätet eintreffen würde. Die Kinder sind nicht davon abzubringen, ihren Vater auf dem Parkplatz zu erwarten.

Da schließlich trifft der Gefängniswagen ein. Ein Kleinbus mit Gittern an den Fenstern und mit getönten Scheiben. „Sitzt da unser Papa drin?“, fragt Susann leise. Jeannett nickt stumm. Die Türen öffnen sich, zwei Justizbeamte steigen aus, öffnen die hintere Tür. Der Kindesvater verlässt das Fahrzeug und wird unmittelbar von den Justizbeamten in die Mitte genommen. Die in den Halftern unter den Jacken steckenden Dienstwaffen sind nicht zu verbergen. Der Kindesvater trägt Handschellen. Er wirft den Kindern ein schnelles Lächeln zu. Sie setzen sich in Richtung Eingang in Bewegung, dahinter wir mit den Kindern, die Mädchen mit gesenkten Köpfen. In dem für den Besuchskontakt vorgesehenen Raum angekommen, werden wir von Frau Schilling begrüßt. Die Justizbeamten beziehen Stellung in einem Nebenraum.

Der Raum, in dem wir uns befinden, ist weiß gestrichen, ein Schreibtisch und ein Besprechungstisch, an dem wir Platz nehmen. Die Kinder und wir auf der einen und der Kindesvater auf der anderen Seite. Ruth wäre nicht Ruth, wenn sie die Situation nicht vorausgesehen hätte und Vorsorge getroffen hätte. Sie hat einen Korb mit Geschirr und Tassen gepackt und zwei Thermoskannen mitgenommen. Eine ist mit Kaffee gefüllt, die andere mit heißer Schokolade. Niemand von uns hat ernsthaft erwartet, dass das Jugendamt eine so heikle Situation auch aus der Perspektive der Kinder betrachtet und für eine aufgelockerte Situation sorgt. Hauptsache den Gesetzen ist Genüge getan.

Sie verteilt das Geschirr und Besteck und bietet den Kuchen und die Getränke an. Der Kindesvater stößt mit sauertöpfischer Miene hervor „´n Bier wär mir lieber“ und Frau Schilling ziert sich und lehnt mit einem leisen „Nein, danke“ ab und fügt hinzu: „Sie hätten sich doch nicht solche Umstände machen müssen.“ Weiß sie was sie überhaupt, was sie tut? Hat sie Angst, wir würden wir etwas in den Kaffee tun? Die Kinder und wir wechseln Blicke des Bedauerns und lassen uns den Kaffee, die Schokolade und den Kuchen schmecken. Frau Schilling und der Kindesvater sehen uns schweigend zu.

Schließlich bricht Frau Schilling das Schweigen. „Wie war denn euer Urlaub?“ „Schön“, strahlt Susann. „Wir haben an der Nordsee gezeltet. Es war sooo heiß!“ Jeannett übernimmt jetzt. „Und in Cuxhaven haben wir uns verirrt! Da haben Mama und Papa uns mit der Polizei gesucht. Der Polizeiwagen ist über die Strandpromenade gefahren und hat immer unsere Namen durch den Lautsprecher gerufen.“

Frau Schillings Gesicht verfinstert sich. „Darüber werde ich noch mit euren Pflegeeltern sprechen müssen“, kündigt sie an. Der Kindesvater blickt mürrisch.

Wieder hat Ruth vorgebaut. Sie hat die Urlaubsfotos mitgenommen. Susann nimmt sie und nähert sich ihrem Vater. „Magst du sie sehen? Hier…“ und hält sie ihm hin. Der sieht sie eilig durch und murmelt etwas wie „Schön“. Dann breitet Susann die Fotos auf dem Tisch aus und kommentiert sie. Auch Jeannett, die sich bisher kaum bewegt hat, nimmt nun teil.

„Sieh mal, unser Zelt!“ „Da ist die Wasserrutsche!“ „Und da sind die Engländer mit dem Liegerad, mit denen sich Papa so lange unterhalten hat – und alles auf Englisch!“, bemerkt Jeannett mit einem gewissen Stolz, unseren beiden Gegenübern ins Gesicht blickend, ob es nicht einen Anflug von Bewunderung oder zumindest Anteilnahme gäbe. Aber Sachbearbeiterin und Kindesvater zeigen keine Regung.

Schließlich, nachdem sich diese gespenstische Situation anderthalb Stunden hingezogen hat, kommt von Frau Schilling der ersehnte Abpfiff. „Wir können uns ja noch einmal treffen, wenn ihr wollt. Aber für heute ist es wohl genug.“ Es klang eher wie: Meine Dienstzeit ist jetzt zu Ende und wir haben unsere Pflicht erfüllt.

Im Auto wieder Schweigen. Zuhause Gibt Jeannett eine Einschätzung des Besuchskontakts.

„Ich weiß gar nicht, warum wir da waren. Mein Vater hat nichts gesagt, Frau Schilling hat keinen Kuchen gegessen und überhaupt möchte ich meinen Vater so nicht wiedersehen. Ich hab doch jetzt dich, Papa“, wendet sie sich zu mir.

„Jeannett, wie kannst du so etwas sagen!“, erregt sich jetzt Susann. „Mir tut er leid, mit den Handschellen und in dem vergitterten Auto.“

„Susann, bist du blöd?, fährt Jeannett sie an. „Weißt du nicht mehr, was er Mama angetan hat und dass er sich nie um uns gekümmert hat? Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben, bevor er mir nicht sagt, warum er das alles getan hat. Am besten ist, er kommt nie mehr aus dem Gefängnis!“

Hier muss ich mich einschalten. „Jeannett, du hast Recht, dein Vater hat viele falsche Dinge getan. Er konnte nicht für euch sorgen. Aber wenn ein Mensch seine Strafe verbüßt hat, wird er aus dem Gefängnis entlassen. Die Taten sind zwar noch die selben. Aber man muss Menschen auch die Chance geben, sich zu bessern. Dass ihr zu eurem Vater nicht mehr zurück könnt, ist klar. Aber vielleicht willst du ja später mal mit ihm reden.“

Jeannett stemmt wieder die Fäuste in ihr Gesicht und hat wieder diese schmalen Lippen. Wie immer bedeutet das: Ich will nicht mehr reden. Wir beenden den Abend und schicken die Kinder ins Bett.

Tage später werden wir Zeugen eines Spiels der Kinder.

„Ich bin Jeannett und du bist unser Vater. Du musst auf meine Fragen antworten. Ok? Ich frage dich jetzt. Warum hast du versucht, Mama umzubringen?“

Susann ist verzweifelt. „Ich habe doch gar nichts gemacht!“

„Natürlich, du wolltest sie umbringen. Warum?“

„Sie hat es verdient. Nein, das stimmt nicht. Er hat sie auch gar nicht umgebracht.“

„Aber du hast uns immer weggeschickt, zu fremden Leuten.“

„Das wollte er nicht, er hat uns lieb! Ich will nicht mehr spielen, Jeannett! Es ist ein doofes Spiel.“

Verstört sucht Susann ihr Zimmer auf und legt sich ins Bett. Sie ist nicht mehr ansprechbar. Der Tag ist für sie gelaufen.

Wie sollen wir das je auffangen? Es sind die Auswirkungen des Besuchskontaktes, mit denen wir nun da stehen. Dieses Jugendamt macht alles verkehrt. Besuchskontakte sind nicht vorbereitet, der Ablauf ist unklar und dem Zufall überlassen. Das ist alles höchst unprofessionell. Die Kinder spüren überdeutlich, dass es hier nicht um sie geht, sondern nur um das vermeintliche Recht des Kindesvaters. Und das, obwohl die leiblichen Eltern laut Bürgerlichem Gesetzbuch zwar die Pflicht haben, an Besuchskontakten teilzunehmen, wenn die Kinder das wünschen. Ein Recht auf Umgang aber haben sie nicht, auch wenn Richter und Jugendämter das immer behaupten. Die Jugendämter aber haben ein Interesse daran, die leiblichen Eltern als Gegenpol zu den Pflegeeltern aufzubauen und denen sogar vorzuwerfen, dass sie die Pflegekinder den leiblichen Eltern bewußt entfremden.

Warum lässt man diese geschundenen Kreaturen nicht in Ruhe? Warum lässt man die Pflegeeltern nicht behutsam eine Bindung zu den Kindern aufbauen, damit sie nicht später durchs Leben gehen, ohne in der Lage zu sein, Bindungen zu anderen Menschen aufbauen zu können? Warum müssen diese Kinder das alles ertragen? Es ist eine verkehrte Welt und die Chancen auf Heilung der seelischen Wunden vernachlässigter, missbrauchter Kinder gehen unter solchen Voraussetzungen gegen null. Fast könnte man den Eindruck haben, dass man sie bewusst den Interessen ihrer leiblichen Eltern opfert.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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