Hilfe vom Pflegeelternverein

Pflegeeltern, die allein mit ihren Problemen klar kommen wollen, haben schlechte Karten. Sie sind bald verbrannt und im schlimmsten Falle führt ihre Überlastung dazu, dass sie die Kinder zurück geben müssen. Das ist dann ein weiterer Bindungsabbruch und stürzt sie in Schuldgefühle. Aber woher sollen Pflegeeltern wissen, welche Hilfen ihnen zur Verfügung stehen?

Durch Zufall stoße ich im Internet auf die Website Vereins für Pflegekinder. Dort gibt es eine Telefonnummer. Wir zögern zuerst, anzurufen. Wie wird man mit uns umgehen? Wird man uns verstehen? Sind wir vielleicht nur schlechte Pflegeeltern, nicht professionell genug, halten wir nicht genug aus?

Schließlich wagen wir es. Eileen Große ist die stellvertretende Vorsitzende und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wir fassen sofort Vertrauen. Sie sichert uns zu, dass alles, was wir ihr anvertrauen, unter uns bleibt.

Eileen hört uns geduldig zu. Ihre Äußerungen zeigen uns, dass sie weiß, wovon sie redet.

„Ihr müsst erstmal sehen, dass ihr eine Auszeit kriegt“, rät sie uns. „Eure Kinder sind hoch traumatisiert. Kein Wunder, dass ihr so gestresst seid. Ihr seid wirklich nicht zu beneiden. Wir haben am nächsten Samstag ein Seminar für Pflegeeltern traumatisierter Kinder. Wollt ihr nicht kommen? Ihr könnt dann andere Pflegeeltern kennen lernen, die eure Situation kennen.“

Zunächst zögern wir. Was sollen wir mit den Kindern tun? Aber Eileen weiß Rat.

„Am nächsten Wochenende veranstaltet Wildfang ein Wochenende für Pflegekinder. Am Freitag geht´s los, ihr müsst die beiden bloß anmelden und sie hinbringen.“

Wir erkundigen uns sofort. Wildfang e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Kinder- und Jugendfreizeiten unter dem Markennamen „ICanDo“ speziell für Pflegekinder veranstaltet. Nie mehr als fünf Kinder kommen auf einen Betreuer, wenn erforderlich auch 1:1-Betreuung. Sie haben jede Menge kreativer Aktivitäten und jede Freizeit steht unter einem speziellen Thema wie Baseball, Survival oder Grusel&Spuk. Die Vorstellungen von Wildfang zur Integration schwieriger Kinder   sind genau die, die auch auf unsere Kinder zutreffen. Auch wenn der Preis für die Teilnahme hart an der Schmerzgrenze liegt: Wir buchen das Wochenende.

Am Freitag fahren wir zum Camp 50 km weit weg und bringen unsere Kinder. Die sind natürlich ganz aufgeregt: Das erste Mal allein „verreisen“, und das mit anderen Kindern zusammen, das ist etwas Besonderes. Der Leiter, Knuth Gründer,  und die Betreuer sind vertrauenswürdig und haben viel Erfahrung mit Pflegekindern. Für die Kinder ist wichtig, dass sie sich austauschen können über ihre Vorerfahrungen und die Erfahrungen in der Pflegefamilie. Eine wirklich ideale Konstellation.

Samstag ist für uns Seminar. Der Referent ist Oliver Hardenberg, Diplompsychologe und Gerichtsgutachter. Viel erfahren wir von ihm über traumatisierte Pflegekinder. Einige der Kernaussagen:

  • Traumatisierte Pflegekinder kann man nicht verwöhnen. Sie haben viel zuviel nachzuholen.
  • Es gibt das „Konzept des guten Grundes“: Es gibt immer gute Gründe für das Verhalten traumatisierter Kinder. Deshalb müssen Pflegeeltern ihre Pflegekinder mit ihren Erfahrungen stets ernst nehmen und gegenüber Ämtern und anderen Beteiligten und Entscheidungsträgern stets vom Kind her argumentieren.
  •  Pflegeeltern sind die Anwälte für ihre Pflegekinder. Sie sollen mit den Erwachsenen streiten anstatt mit den Kindern.
  • Aggression und das bewußte Kaputtmachen von Sachen resultiert aus der Identifikation mit dem ehemaligen Angreifer. Die Kinder inszenieren bewußt Situationen aus ihrem früheren Leben und übertragen sie auf die Pflegeeltern.
  • Die Pflegeeltern sollen die Aggression aufnehmen und sich mit den Kindern und deren Wut auf ihr früheres Leben verbünden und bewußt Partei ergreifen.
  • Pflegekinder, die traumatisiert wurden, sind in der Regel „pseudoautonome“ Kinder: Sie leugnen die Eltern-Kind-Beziehung. Sie machen aber die Pflegeeltern zu Eltern, wenn sie das brauchen (Anrede Mama/Papa).
  • Auch wenn die Herkunftseltern die Macht haben, das Pflegeverhältnis mit zu gestalten, heißt das noch nicht, dass die Kinder ihnen gehören. Das Kind gehört sich selbst und nicht den Eltern.
  • Die Weigerung, zu essen, ist eine geschickte Weigerung, sich durch die (Pflege-) Eltern ernähren zu lassen. Das Wegnehmen und Verzehren von Lebensmitteln bedeutet die feste, auch erlernte Absicht, für sich selbst zu sorgen und der Umwelt zu zeigen, dass man die anderen nicht braucht.
  • Man sollte Lügen nicht zu ernst nehmen. Immerhin handelt es sich dabei um eine Kulturtechnik, die gesellschaftlich gang und gäbe ist.Kinder lügen, um Bestrafungen zu vermeiden. Ebenfalls kann es sein, dass sich das Kind fremd vorkommt, wenn es lügt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat ein traumatisiertes Kind in frühester Kindheit gelernt, zu lügen, so dass es für es Normalität geworden ist.

Diese Grundsätze sind eigentlich selbstverständlich, aber in den Stresssituationen, in denen Pflegeeltern sich häufig befinden, gehen sie einfach verloren. Uns haben sie die Augen geöffnet.

In den Pausen haben wir die Gelegenheit, mit anderen Pflegeeltern zu reden. Es ist immer wieder dasselbe: Aggression, Diebstahl, Unordnung, ärger mit dem Jugendamt und der Herkunftsfamilie. zum ersten Mal erfahren wir: Wir stehen nicht allein da mit unseren Problemen.

Abends gönnen Ruth und ich uns ein schönes Essen in unserem Lieblingsrestaurant. Wie lange hatten wir das schon nicht mehr! Zum ersten Mal nach Jahren geht es uns wieder gut und wir sind entspannt.

Am nächsten Tag holen wir Jeannett und Susann aus dem Wochenendcamp ab. Sie haben uns viel zu erzählen von ihren Aktivitäten und Erlebnissen aber auch von den anderen Kindern.

„Stellt euch mal vor“, resümiert Jeannett, “ es gibt Kinder, denen ist es noch viel schlechter ergangen als uns.“ Eine Erkenntnis, die zuerst die zuerst beklemmend, aber dann ausgesprochen beruhigend wirkt.

Es ist ein Glück, dass wir Eileen und die anderen kennen gelernt haben. In diesen paar Tagen haben wir mehr erfahren als in den letzten Jahren. Wir wissen: Wir stehen nicht allein. Das gibt uns mehr Ruhe und Kraft im Umgang mit den Kindern.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Der Kampf um Normalität abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s