Baby Susann?

Es gibt Tage im Alltag von Pflegeeltern, die verlangen ihnen alles ab: Verständnis, spontan richtiges Handeln, das Bewahren der Ruhe. Heute ist so ein Tag und wir fühlen uns wieder einmal mit einer Situation konfrontiert, die wir bisher noch nicht kannten.

Susann hat, wie so oft im Winter, eine Infektion der Atemwege, die zugleich durch ihre asthmatische Grundkonstitution verschlimmert wird. Sie hustet in einem Fort. Die Kinderärztin verordnete ein Hustenmittel, Inhalationen und heiße Zitrone zum Lösen des Schleims.

Also gibt es zum Abendessen die heiße Zitrone. Die Inhalation steht bereit. Aber Susann streikt. Sie schiebt die Zitrone weg.

„Susann“, beginne ich an ihr Verständnis zu appellieren, „wenn du gesund werden willst, musst du etwas dafür tun. Du musst die Zitrone trinken und hinterher die Inhalation machen.“

Susann aber hat schon lange abgeschaltet. Sie jault lauthals und lässt sich vom Stuhl auf den Boden sinken. Dort krabbelt sie auf allen Vieren und gibt grunzende, quiekende Laute von sich. Es ist offensichtlich kein albernes Gehabe; sie meint es ernst. Sie krabbelt aus der Küche hinaus in den Flur, wo sich aus ihrem Schlüpfer unter dem Kleidchen ein übel riechendes Rinnsal den Weg bahnt.

Ruth ist starr vor Entsetzen und blickt mich hilflos an. Jeannett steht daneben und kreischt „Iiiieh, sie dir die mal an! Die hat doch nicht mehr alle!“ Ich nehme sie und gehe mit ihr zurück in die Küche. „Warum tut sie das? Sie will euch bloß ärgern!“ wird sie von ihrer Schwester beschuldigt. Derweil hat Ruth Susann vom Boden aufgehoben, sie wiegt sie wie ein Baby in ihren Armen, trägt sie ins Badezimmer. Sie entkleidet sie und duscht sie unter Susanns lautem Gebrüll warm ab. Dann nimmt sie sie wieder in die Arme, wiegt sie wieder, zieht ihr die Nachtwäsche an und legt sie ins Bett. Das Gebrüll ist einem leisen Wimmern gewichen. Ich komme dazu, streichele ihr leicht das Haar und rede ihr beruhigend zu.

„Es ist alles gut, alles wird gut. Sei jetzt ganz ruhig und schlaf ein bisschen.“ Susanns Augen fallen zu. Es ist vorbei.

Als wir in die Küche kommen, sitzt Jeannett auf ihrem Platz, die Hände ins Gesicht gestemmt, die Lippen zusammengepresst. Sie sagt nichts. Uns ist allen der Appetit vergangen. Schließlich steht sie auf und sagt leise „Ich geh jetzt auch ins Bett.“ und verschwindet nach oben in ihr Zimmer.

Wir ahnen, dass mit Susann irgend etwas nicht stimmen kann, aber wir wissen nicht was. Ist es eine Krankheit, unter der sie leidet? Haben wir etwas falsch gemacht? Haben wir richtig reagiert? Was tut man in solchen Situationen? Wie lange halten wir das noch aus?

Als wir das Erlebnis mit der Therapeutin besprechen, ist sie nicht erstaunt. Sie hält diese Verhaltensweise, die Susann auch in den Therapiestunden an den Tag legt, für Susanns Entwicklungsstand für normal.

„Erwarten Sie nicht zu viel“, erklärt sie uns. „Susann ist in Teilen ihrer Persönlichkeit im Babyalter. Dazu gehört Krabbeln und auf den Teppich zu urinieren. Sie möchte in diesen Situationen wieder zurück in den Mutterleib oder in die Rolle des Babys, das umsorgt wird und im Mittelpunkt steht. Das aber ist es, was sie nie erfahren und erhalten hat. Verwundert sie das? Sie müssen akzeptieren, dass es solche Vorkommnisse immer wieder geben wird.“

Wir sind entsetzt über die schonungslose Ehrlicheit und Professionalität der Therapeutin. Sie bestärkt uns auch darin, dass wir alles richtig gemacht haben. Aber wir wissen jetzt: Das unversorgte Baby, das vernachlässigte Kleinkind kann jederzeit wieder durchbrechen. Susann wird noch häufiger in ihre früheste Kindheit regredieren. Es braucht nur einen nichtigen Anlass. Und es ist uns klar: Wir können ihr dieses Verhalten nicht zum Vorwurf machen oder sie gar dafür bestrafen. Sie ist dann nicht mehr Herr der realen Situation.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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