Wir trennen die Kinder

Es gibt Kinder, die leben in ihrer Familie  zu mehreren in einem Zimmer, bis sie das Elternhaus verlassen. Es ist einfach nicht genug Platz da und jeder muss auf den anderen Rücksicht nehmen.

Als wir unsere Mädel bekamen, haben wir beschlossen, beide in einem Zimmer wohnen zu lassen. Grund war nicht der Platzmangel. Im Obergeschoss haben wir noch drei Zimmer. Aber sie haben ihr ganzes Leben lang zusammen geschlafen. Wir glaubten, es wäre für sie eine Stütze. Und wir wollten die räumliche Nähe, gegenüber unserem Schlafzimmer, damit wir im Notfall eingreifen könnten. Inzwischen hat sich aber heraus gestellt, dass sie sich eher in ihrer Entwicklung behindern als fördern. Es sollte sein, aber gut vorbereitet.

Es ist ein schöner Sommertag. Wir haben Besuch. Susann ist im Bett, Jeannett darf c etwas länger aufbleiben, weil Susann nicht zur Ruhe kommt.

Als wir den Besuch aus dem Hause begleiten, stellen wir fest, dass Jeannett eingerollt auf dem Wohnzimmersofa schläft. So kann ich sie nicht in ihr Hochbett tragen und aufwecken wollen wir sie auch nicht. Also fassen wir den Beschluss. Ich trage Jeannett nach oben in das Zimmer, was wir ihr sowieso zugedacht hatten und lege sie behutsam ins Bett.

Am nächsten Morgen erscheint Jeannett schlaftrunken um Frühstück.

„Warum bin ich oben aufgewacht?“, will sie wissen.

„Du warst eingeschlafen, und dann habe ich dich nach oben getragen“, antworte ich.

Möchtest du in Zukunft immer oben schlafen oder lieber unten?“, frage ich.

Jeannetts Augen beginnen zu glänzen.

„Au, ja“, strahlt sie. „Wird das dann mein Zimmer?“

„Ja, das wird es“, antwortet Ruth. „Du hast dann ein eigenes Zimmer, für das du dann ganz allein verantwortlich bist.“

Jeannett ist glücklich. All ihre Spielsachen werden nach oben getragen, die Kleidung wird in den Schrank gelegt und gehängt. Es dauert nicht lange, bis sich Jeannett an die neue Situation gewöhnt hat. Sie genießt sie sichtlich.

Aber es ist ein zweischneidiges Schwert. Jeannett kann ab jetzt nicht mehr behaupten, Susann habe die Unordnung veranstaltet und Susann ist enttäuscht, weil sie nun allein in dem früher gemeinsamen Zimmer zurecht kommen muss. Die Unterstützung, die sie sich von Jeannett bisher erhofft hat, bekommt sie sowieso nicht mehr. Nun ist es offensichtlich. Die Zeiten, als sie sich gemeinsam gegen die Erwachsenenwelt verbünden mussten, sind nun endgültig vorbei. Nun stehen sie in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit, die sie sich ungeteilt von uns erhoffen. Sie werden mit allen ihnen verfügbaren Mitteln darum kämpfen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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