Schluss mit Hort

Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land? Einige Regelungen lassen Zweifel aufkommen. So kann es passieren, dass sich von heute auf morgen Bedingungen ändern, die es Eltern gestern noch ermöglichten, berufstätig zu sein und die Kinder betreuen zu lassen.

Unsere beiden Kinder sind bisher im Hort untergebracht. Diese Unterbringung gibt uns nicht nur die Möglichkeit, in den Berufen tätig zu sein, die wir erlernt haben nd ausüben. Für die Kinder bedeutet es, sich einfügen zu müssen in eine Gemeinschaft Gleichaltriger und auch nach der Schule einen geregelten Tagesablauf zu erleben und Unterstützung zu erfahren.

Heute ist der letzte Horttag vor den Sommerferien. Jeannett kommt vom Hort nach Hause, lässt sich auf das Sofa fallen und weint bitterlich.

„Papa, Frau Schenk hat gesagt, das war mein letzter Tag im Hort und ich darf nach den Ferien nicht wederkommen. Warum denn nicht?“

Wir sind entsetzt. Warum setzt man uns nicht in Kenntnis? Warum belastet man das Kind mit solch einer Aussage? Sofort greife ich zum Telefonhörer und rufe die Leitung, Frau Schenk an.

„Ich habe gerade heute die Meldung der Verwaltung für die verbleibenden Kinder bekommen“, rechtfertigt sie sich. „Da steht Jeannett nicht mehr mit drauf. Lesen Sie mal Ihren Vertrag! Da steht, dass die Hortbetreuung mit dem Übergang in die fünfte Klasse endet. Ich kann das nicht ändern.“

Ruth schäumt vor Wut. Keine Verabschiedung, kein Hinweis auf die neue Situation. Was tun wir jetzt? An wen wenden wir uns? Schon spielen wir alle Möglichkeiten durch. Eine Tagesmutter? Wer trägt die Kosten? Wie schnell ist ein Ersatz zu beschaffen? Unser Leben ist auf den Kopf gestellt. Ich kann nicht fassen, in welcher Form Eltern die Möglichkeit genommen wird, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Dabei geht es uns noch gut: Wir sind Doppelverdiener, wir haben das Pflegegeld.

Ich schreibe die Sachbearbeiterin des Jugendamtes an, mit einem dicken EILT! versehen und schildere die Situation. Ich schreibe an den Bürgermeister und erkläre unseren Notstand.

Das Jugendamt reagiert überhaupt nicht. Aber vom Bürgermeister bekommen wir den Hinweis, dass es eines Antrages bei der Gemeindeverwaltung bedarf und er sich dafür verwenden wird, dass unser Fall höchste Priorität bekommt.

Wir dürfen aufatmen. Innerhalb von zwei Wochen bekommen wir den Bescheid, dass als Ausnahmeregelung für Härtefälle der Hortbetreuung bis zum Ende der sechsten Klasse zugestimmt wird.

Unser Fall ist ein Beispiel für die Unerbittlichkeit der Behörden und dafür, dass, wer seine Rechte nicht kennt, in Deutschland nichts zu lachen hat. Schlussendlich geht es zu Lasten der Kinder. Gerade bei traumatisierten Kindern wirkt sich der Verlust einer Bindung an Lehrer, Erzieher und eine Gruppe, die sie akzeptiert hat, katastrophal aus. Aber derartige Probleme kommen in Gesetzen und Bestimmungen selten vor.

Wir haben Glück gehabt, dass das Problem nach ein paar Anrufen und Schreiben gelöst war. die „heile Welt“ war wieder hergestellt.

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Über Sir Ralph

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2 Antworten zu Schluss mit Hort

  1. Ralf von der Lieth schreibt:

    Es wäre die Pflicht der Pflegeeltern gewesen, dem Kind zu erklären, wie lange es den Hort besuchen wird !!!
    Alle richtigen Eltern wissen, dass der Hort nur für Grundschüler eingerichtet ist.

  2. lehrergehrke schreibt:

    Das ist bei uns anders. Die Grundschule geht bis einschlißlich 6. Klasse. Normalerweise gibt es für die den Hort verlassenden Kinder auch sowas wie eine kleine Verabschiedungsfeier. Da hat einfach die Leitung gepennt!

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