Zahnspangen für unsere Kinder und das Sorgerecht

Bei Pflegekindern ist vieles anders. Leibliche Eltern gehen mit dem Kind zum Kieferorthopäden, lassen eine Diagnose erstellen, bekommen einen Heil- und Kostenplan, und los geht´s!

Nicht so bei uns. Die Zahnärztin hat festgestellt, dass beide Mädel eine Zahnspange brauchen, um die Zähne zu richten. Wir bekommen also eine Überweisung. Damit gehen wir zum Kieferorthopäden und lassen eine Diagnose anfertigen.

An diesem Punkt ist aber erst einmal Schluss. Wir verfügen ja nicht über das Sorgerecht, das heißt, dass der Kindesvater jeder Behandlung zustimmen muss. Sollten wir diese Notwendigkeit einfach ignorieren, könnte jede Behandlung uns als Körperverletzung ausgelegt werden. Das wäre das allerletzte, was wir brauchen könnten.

Also teilen wir dem Jugendamt mit, dass eine kieferorthopädische Behandlung notwendig wird und fordern es auf, die Zustimmung zu erwirken. Da der Kindesvater seine Haftstrafe verbüßt, dürfte das nicht einfach werden.

Deshalb ergreifen wir die Gelegenheit und bringen die Übertragung des Sorgerechtes ins Spiel. Tatsächlich wäre es für uns eine gewaltige Erleichterung, wenn wir über die gesundheitlichen, schulischen und behördlichen Angelegenheiten unserer Kinder selbst schnell und unkompliziert selbst entscheiden könnten. Auch darüber zu bestimmen, wo sich unsere Pflegekinder aufhalten, wäre angesichts dessen, dass der Kindesvater sein Sorgerecht sowieso nicht ausüben kann, sinnvoll.

Monate vergehen, bis Frau Schilling, unsere Sachbearbeitern, uns grünes Licht gibt. Die Kieferorthopädiepraxis hat unsere Behandlungsakte bereits archiviert. Sie haben nicht mehr mit einem Beginn einer Behandlung gerechnet. Die Kieferorthopädin erklärt uns das Verfahren.

„Die Krankenversicherung zahlt 80% der Kassenleistungen, 20% sind Ihr Eigenanteil, den Sie an uns zahlen. Sie können den Eigenanteil jedoch nach der planmäßigen Beendigung der Behandlung von Ihrer Krankenkassen auf Antrag zurück erhalten. Sollte die Behandlung früher abgebrochen werden, z.B. wenn sich Ihre Töchter die Zähne nicht richtig putzen, ist das Geld weg!“

Dann legt mir die Ärztin eine Vereinbarung über sogenannte außervertragliche Leistungen vor, die die Krankenkasse nicht übernimmt. Siebenhundert Euro will die Praxis haben für Schmerzminderungsmaßnahmen, Kiefergelenksdiagnistik,ästhetische Optimierung des Gebisses und Schutz des Zahnschmelzes. Ich bin entsetzt.

„Diese Maßnahmen gehören zum heutigen Stand der Technik und sind Standard“, belehrt mich die Zahnärztin. „Wir können darauf nicht verzichten, ohne dass wir die notwendigen Qualitätsanforderungen verletzen würden.“

Warum, stellt sich mir die Frage, werden sie dann nicht von der Krankenversicherung bezahlt? Im Sozialgesetzbuch heißt es: „Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.“ Das heißt eindeutig: Die Maßnahmen, die man hier versucht, mir zu verkaufen, sind nicht notwendig, nicht zweckmäßig und zu teuer. Aber die Ärztin bleibt dabei: Keine Behandlung ohne Zusatzvereinbarung. Also nehme ich die Verträge und gehe. „Dazu muss ich zunächst Rücksprache mit dem Jugendamt halten“, erkläre ich. „Ich kann keine Zusatzvereinbarung unterschreiben, die wo möglich nicht finanziert wird.“

Die Kieferorthopädin versucht, die Ruhe zu bewahren, aber ich erkenne eine Zornesfalte zwischen ihren Augenbrauen.

„Gut, klären Sie das erst einmal ab.“ Diskussion beendet.

Tags drauf rufe ich Frau Schilling an. Ich schildere ihr den Stand der Dinge.

„Das können wir natürlich nicht übernehmen“, entrüstet sie sich.“ Wir übernehmen die Zuzahlungen, aber keine außervertraglichen Leistungen. Wenn die Praxis darauf besteht, müssen Sie entweder selbst für die Zusatzleistungen aufkommen oder Sie suchen sich eine Praxis, die nach Kassenstandard abrechnet.“

Das habe ich mir gedacht. Aber was ist, wenn die Zusatzleistungen wirklich zu einem besseren Ergebnis führen? Warum werden dann unsere Pflegekinder gegenüber anderen Kindern, deren Eltern es sich leisten können, benachteiligt?

Beim nächsten Termin mache ich klar, dass es eine Behandlung mit Zusatzleistungen nicht geben wird.

„Das Jugendamt hat mich eindeutig angewiesen, keine außervertraglichen Leistungen in Anspruch zu nehmen“, mache ich eindeutig klar.

Die Kieferorthopädin schaut mir mit sanftem Blick in die Augen.

„Wir haben uns entschieden, eine Ausnahme zu machen und die Behandlung nach Kassenstandard fortzusetzen“, säuselt sie gönnerisch. „Wir sollten die Behandlung also schnellst möglich beginnen.“

Also, geht doch. Allerdings muss ich dafür unterschreiben, dass ein erhöhtes Kariesrisiko besteht und das Kausystem überlastet werden kann und ich darauf verzichte, den Behandler dafür haftbar zu machen. Wenn es so weit ist, denke ich mir im Stillen, werden wir sehen, ob diese Regelung rechtlich in Ordnung ist.

Monate sind inzwischen vergangen. Auf der Weihnachtsfeier erklärt mir Frau Schilling nebenher:

„Wir brauchen noch ein Gutachten von einer unabhängigen Zahnärztin. Ich gebe Ihnen hier mal eine Adresse einer Vertrauensärztin, da vereinbaren Sie einen Termin und lassen das Gutachten erstellen.“

Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Da haben wir gekämpft bis zum Äußersten, um die Behandlung für unsere Mädchen zu erreichen und nun ein weiteres Hindernis.

„Welche gesetzliche Grundlage gibt es denn für diese Regelung?“, will ich wissen.

Frau Schilling wirkt verwirrt. „Es gibt kein Gesetz dafür, aber wir handhaben das so im Jugendamt.“

„Wenn es keine gesetzliche Grundlage gibt, gibt es auch kein Gutachten“, fahre ich sie an und lasse sie stehen.

Zwei Wochen später haben wir die schriftliche Genehmigung. Obwohl ich im Antrag an das Jugendamt vermerkt habe, dass wir von der Übernahme des gesamten Eigenanteils durch das Jugendamt ausgehen, ist dies nicht Teil der Vereinbarung.

Hoch traumatisierte Kinder sind zu Beginn einer Pflegschaft nicht einmal dazu fähig, die einfachsten Verrichtungen der Körperpflege zu vollziehen. Wochen hat Ruth gebraucht, um Susann beizubringen, wie man sich nach dem Toilettengang abputzt, damit nicht alles in der Hose landet. Ich helfe ihr bei der Anwendung ihres Athmasprays und erinnere sie mit Nahcdruck an die Anwendung. Nun sollen sie es hinkriegen, ihre Zähne so gründlich zu putzen, dass nichts in der Zahnspange hängen bleibt. Und wir als Pflegeeltern werden in die finanzielle Haftung dafür genommen, dass das über Jahre hinaus auch wirklich klappt.

Wir haben aus dieser Geschichte gelernt, dass Pflegekinder im Vergleich mit leiblichen Kindern in Maßnahmen, die ihre Gesundheit betreffen, benachteiligt sind. Sie bekommen eine Versorgung, die von schlechterer Qualität ist und selbst für diese schlechtere Versorgung muss man kämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, warum Pflegeeltern für diese Kosten einer qualitativ angemessenen Behandlung aufkommen sollen. Es gibt auch zu viele widersprüchliche Interessen, in denen Pflegeeltern sich für ihre Pflegekinder aufreiben.

Wir haben auch gelernt, wie wenig wir als Pflegeeltern eigentlich selbst entscheiden können. Das Recht, zu entscheiden hat jemand, der in der Haftanstalt sitzt, weit weg von seinen Kindern, der sie kaum noch kennt und nicht in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Stattdessen ist denjenigen, die täglich mit den Kindern und ihren Bedürfnissen zu tun hat, verwehrt, die Maßnahmen einzuleiten, die ihrem Wohl nützen. Das Jugendamt macht keine Anstalten, uns vernünftigerweise bei der Übertragung des Sorgerechtes eine Hilfe zu sein. Es ist eine verkehrte Welt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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