Hektische Tage

Pflegekinder sind nicht pflegeleicht. Ihre Pflegeeltern sind meist die ersten, die Verantwortung für sie übernehmen und dabei mit dem professionellen Beobachten, Handeln und Organisieren beschäftigt sind. Besonders gilt das für die Pflegeeltern, die ihren Beruf nicht völlig aufgeben wollen. Dass nicht beide Vollzeit arbeiten können, versteht sich von selbst. Uns geht es nicht anders.

Ein „normaler“ Arbeitstag läuft immer in Hektik ab. Morgens muss das Frühstück organsiert werden und dabei achten wir darauf, dass beide etwas essen und trinken. Das ist nicht selbstverständlich. Alle müssen gemeinsam aus dem Haus gehen. Der Frühhort ist Kilometer entfernt; es würde sich nicht lohnen, ihn in Anspruch zu nehmen. Also sind die Kinder manchmal länger vor Schulbeginn in der Schule, als es uns und den Lehrern lieb ist. Aber wir haben keine Alternative.

Ich bin meist derjenige, der zuerst zu Hause ist. Die Kinder kommen gegen vier aus dem Hort. Dann gibt es meist etwas Kleines zum Essen; trotz Schulspeisung sind die Kinder hungrig. Anschließend geht es an die im Hort nicht erledigten Hausaufgaben, und das sind meist alle. Mappe kontrollieren, Aufgabenheft checken, bei Mathe oder Englisch helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Aufgaben manchmal selbst nicht verstehe. Oder die Aufgaben sind nicht eingetragen, trotz Absprache mit den Lehrern, dass sie die Eintragungen kontrollieren.

Meist ist es danach bereits Zeit fürs Abendessen und noch etwas Erzählen oder Spielen, aber dann ist auch schon Schluss.

Noch mag alles wie in einer ganz normalen Familie erscheinen. An drei Tagen der Woche jedoch geht Susann zur Therapie. Sommers fahren die beiden nach etwas Übung auf dem Hinweg alleine mit Bahn und bus. Abends hole ich sie mit dem Auto ab, brauche dafür etwa eine Stunde Fahrt. Im Winter allerdings hole ich Susann zusammen mit Jeannet aus dem Hort ab, fahre 15 km zu Susanns Therapiestätte, quäle mich dann 10 km durch den Stadtverkehr, liefere Jeannett ab, fahre wieder zurück, um Susann abzuholen und fahre dann wieder zu Jeannetts Therapie, um sie einzusammeln. Allein den Therapieplan so hinzubekommen, dass es so passt, bedurfte einiger Verhandlungen mit den Therapeutinnen und es darf nichts Unerwartetes passieren oder im Wege stehen. Wir sind dann um acht Uhr, pünktlich zum Abendessen zu Hause, nach sechzig Kilometer Fahrt. An Hausaufgaben ist für beide nicht zu denken; wir müssen sie auf die anderen Tage verteilen, wenn es geht.

Nicht immer jedoch geht es so gut. Eines Tages ist Susann genervt durch die Schule, will nicht ins Auto einsteigen. Es ist spät. Die Kinder sitzen auf ihrer Rückbank und streiten sich lauthals. Da geschieht es. Beim Rechtsabbiegen bremst der vor mir abbiegende Wagen, ich bin zu dicht, es kracht. Die Stoßstange ist verbogen, ein Scheinwerfer Matsch.

Absolute Stille auf der Rückbank. Irgendwann eine bange, leise Frage.

„Sind wir daran Schuld, dass du einem Unfall gemacht hast?“

Was soll ich dazu sagen?

„Ich habe nicht aufgepasst, aber ihr habt mich schon genervt“, versuche ich diplomatisch zu reagieren. Aber jetzt geht es darum neu zu organisieren. Susanns Termin muss ich absagen, Jeannett setze ich auf den Bus und lasse sie allein fahren und auch wieder zurückkehren.

Manchen Tag bin ich in dieser Zeit völlig fertig. Ich habe den Eindruck, nur noch zu funktionieren. Meine Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen ranken sich um die Termine der Kinder herum und finden meist am Wochenende oder nachts statt. Ein Ende ist nicht absehbar.

Manchmal würde ich mir wünschen, dass ein Jugendamtsmitarbeiter oder ein leiblicher Vater nur einen dieser Tage miterleben würde. Viele würden vielleicht argumentieren, dass das gar nicht sein müsste, dass wir uns zu viel Arbeit aufhalsen. Sicher gibt es nicht viele Menschen, die diesen Stress nicht einmal körperlich durchhalten würden, geschweige denn psychisch. Aber es muss sein. Also kämpfen wir weiter.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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