Heilpädagogische Pflege für unsere Kinder

Jugendämter sind keine Halbgötter. Sie sind oft überlastet und müssen sich nach gesetzlichen Bestimmungen richten. Oft bleibt nicht die Zeit, um herauszufinden, wie es um die Kinder steht, die sie vermitteln. Unsere beiden galten bis jetzt als völlig „normal“. Aber die letzten anderthalb Jahre haben uns eines besseren gelehrt. Die Aggression von Susann, die Verschlossenheit von Jeannett, ihre Vergangenheit, all das kann nicht folgenlos geblieben sein. Also schreiben wir an unsere Sachbearbeiterin.

Pflegekinder Jeannett und Susann Sodann

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

in letzter Zeit haben wir große Anstrengungen unternehmen müssen, um den hohen Anforderungen unserer beiden Pflegekinder gerecht zu werden. Immer mehr zeigen sich die in der Vergangenheit begründeten Defekte, die sehr viel Aufmerksamkeit und pädagogisches Wissen erfordern. Besonders davon betroffen ist Susann.

Erfreulich ist festzustellen, daß sie in der Schule z.Zt. erfolgreich mithält. Auffällig ist jedoch, daß sie auf ihre Arbeitsmaterialien, aber auch persönliche Dinge wie Mütze, Schal etc. betrifft, kaum in der Lage ist, acht zu geben. Dies wirkt sich noch nicht schulisch negativ aus, wird jedoch in absehbarer Zeit zum Problem werden. Auch im gemeinsamen Kinderzimmer ist sie nach wie vor nicht in der Lage, zumindest eine Grundordnung einzuhalten. Erkennbar ist auch, daß sie erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten in Verbindung mit Hypermotorik aufweist. Dieses Problem verstärkt sich eher in letzter Zeit. Es macht eigentlich einfache Vorgänge wie das alltägliche Ritual des Aufstehens, Anziehens und der Körperpflege zu zeitraubenden Vorgängen, die nur unter Aufsicht stattfinden können.

Darüber hinaus stellen wir fest, daß Susann häufig nicht in der Lage ist, sich an einfache Tatsachen zu erinnern und Verknüpfungen im Gedächtnis zu erstellen, obwohl sie in anderen Fällen durchaus mühelos Inhalte aus dem Gedächtnis abrufen kann. Wir vermuten, daß sie aus psychosozialen Gründen den Abruf bestimmter Inhalte aus dem Gedächtnis blockiert, die in Verbindung mit ihren Erlebnissen aus frühester Kindheit stehen. Ferner gestaltet sich ihre Beziehung zu ihrer Schwester schwierig, wenn diese feststellt, daß Susann gewisse Abläufe wie das Zimmer in Ordnung zu halten, nicht beherrscht.

Bei Jeannett zeigen sich die Probleme anders. Sie kann aufgrund ihres Intellekts Vorgänge schneller bewältigen und Probleme schneller lösen, aber sie hat, ebenso wie Susann ein großes Problem damit, eine Beziehung zu ihrem Eigentum herzustellen und auf dieses acht zu geben. Hinzu kommt, daß sie nicht in der Lage ist, beispielsweise Hausaufgaben in der Schule zu notieren und diese zum verlangten Zeitpunkt anzufertigen. Wir arbeiten dabei eng mit der Klassenleiterin zusammen, um die Erfüllung der Aufgaben sicher zu stellen, aber schon ein abhanden gekommenes Aufgabenheft stellt erhebliche Probleme dar. Dennoch können wir feststellen, daß Jeannett zu guten Leistungen imstande ist, wenn sie in guter Verfassung ist.

Beide Schwestern haben ein symbiotisches Verhältnis zueinander, das z.T. sado-masochistische Züge trägt. Jeannett hält ihre Schwester häufig für dumm oder erkennt, daß sie einfachste Aufgaben nicht bewältigen kann. Susann wehrt sich durch aggressives Verhalten oder provoziert negative Aufmerksamkeit. Andererseits fügt sie ihr Schicksal, sei es, frühere gemeinsame Erlebnisse, sei es die jetzige Situation, auf Gedeih und Verderb zusammen.

Besonders zu erwähnen ist die schwierige Situation, daß Herr Sodann zur Zeit eine Haftstrafe verbüßt. Wir erhielten von Frau Süßberg einen von Herrn Sodann verfaßten Brief, den wir beiden Kindern zu einem geeigneten Zeitpunkt zu Kenntnis brachten. Diese Situation verursacht bei beiden Kindern eine hohe zusätzliche Belastung. Während Jeannett die Situation zu verdrängen versucht, erzählt Susann in bestimmten Situationen in der Schule und im Hort darüber. Sie bringt sich und ihre Schwester dadurch in unkalkulierbare Situationen.

Ende letzten Jahres haben Jeannett und Susann eine psychotherapeutische Diagnostik durchlaufen. Diese ergab die dringende Notwendigkeit einer tiefenpsychologischen Therapie, eventuell in Verbindung mit einer Geschwistertherapie. Wir haben für beide Kinder bereits je einen entsprechenden Therapieplatz gefunden. Die Therapie wird Anfang diesen Jahres beginnen, nachdem ein Konsiliarbericht erstellt worden ist.

Wie aus dem Gesagten unschwer zu erkennen ist, bedeutet die Pflegschaft für Susann und Jeannett eine erhebliche pädagogische Belastung für uns. Obwohl unsere Beziehung zu beiden Pflegekindern sehr herzlich und emotional ist, fühlen wir uns durch die Probleme, die beide aufgrund ihrer früheren und jetzigen emotionalen und Bindungssituation mitbringen, bis zu unseren Grenzen gefordert. Wir brauchen daher unbedingt eine fachspezifische Unterstützung, beispielsweise eine Supervision, die uns in die Lage versetzt, besser mit den beschriebenen Situationen umgehen zu können.

Darüber hinaus vermuten wir aufgrund unserer aktuellen täglichen Beobachtungen die Notwendigkeit eines erweiterten Förderbedarfs. Deshalb bitten wir Sie, für dessen Feststellung alles Notwendige einzuleiten.

Für Ihre Unterstützung bedanken wir uns schon jetzt.

Freundliche Grüße

Wenig später werden die Kinder dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst vorgestellt. Anerkannt wird für beide eine Emotionale Störung des Kindesalters. Als notwendig wird erkannt, die Kinder in einer heilpädagogischen Pflegestelle unterzubringen. Außerdem wird eine psychotherapeutische Behandlung als nötig erachtet.

Wir sind erleichtert. Jetzt können wir den Kindern zukommen lassen, was sie so dringend benötigen. Da wir beide Pädagogen und als heilpädagogische Pflegestelle anerkannt sind, können die Mädchen bei uns bleiben und wir bekommen für unseren Aufwand den berechtigten finanziellen Ausgleich. Der Weg ist frei. Vor allem ist es auch für uns eine Anerkennung unserer Mühen.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Der Kampf um Normalität abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s