Die Kripo im Haus

Es gibt Momente im Leben von Pflegeeltern, die sie das Grauen lehren. Situationen, in denen schnelle Reaktionen gefordert sind und die nur mit viel Glück glimpflich verlaufen. Situationen, die den Pflegeeltern den Schreck in die Knochen treibt und die für ihre Pflegekinder höchst bedrohlich sind.

Heute ist so ein Tag. Ein warmer Frühlingstag, Sonntag, der Braten steht auf dem Tisch, gerade haben wir mit dem Mittagsmahl begonnen. Für uns ist das sonntägliche Essen ein Ritual, bei dem sich alle wohl fühlen und wir unsere Seelen streicheln können. Beide Mädchen helfen mit, den Tisch schön zu decken, sie haben Spaß daran, ein dreigängiges Menü mit zu gestalten und daran teilzunehmen. Eine Situation, die sie aus ihrem bisherigen Leben nicht kannten. Eine ideale Familiensituation, voller Liebe und Harmonie.

Da passiert das Ungeheuerliche. Es klingelt an der Tür, während wir am Tisch sitzen. Die Kinder springen auf.

„Halt! Erst essen wir auf, Mama geht zur Tür“, lautet meine unmissverständliche Anweisung und die Kinder folgen ihr. Ruth geht zur Tür. Die Minuten schleichen dahin, während ich mit den Kindern weiter unsere Mahlzeit einnehmen.

Ein schlechtes Gefühl beschleicht mich. „Ihr bleibt hier sitzen“, ordne ich an, „ich gehe mal nachsehen, wo Mama bleibt.“

Die Haustür ruht im Schloss. Ich öffne sie und schaue nach draußen. Ruth diskutiert mit zwei Männern, die nicht eben einen gepflegten Eindruck machen. Sie gibt mir ein Zeichen, die Tür hinter mir zuzuziehen. Ich gehe die Treppe hinunter, als mich einer der Typen anspricht und mir eine Karte unter die Nase hält.

„Landeskriminalamt Hamburg. Befindet sich Herr Sodann bei Ihnen? Seine Kinder leben doch bei Ihnen.“

„Nein, wir sind doch nur die Pflegeeltern. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn er sich hier aufhielte“, antworte ich, ziemlich verwirrt.

„Hätte mich auch gewundert“, murmelt er. „Aber wir müssen der Sache nachgehen, weil wir die Daten in der Einwohnerdatei abgeglichen haben und da sind wir auf die Namen der Kinder gestoßen. Herr Sodann ist nämlich flüchtig, er hätte heute seine Haftstrafe antreten müssen.“

Mir wird heiß und kalt. Was wäre gewesen, wenn die Kinder geöffnet hätten? Was wäre gewesen, wenn dieses Gespräch in unserem Wohnzimmer stattgefunden hätte? Wie hätten die Kinder reagiert? Wie hätten wir die Situation wieder in den Griff kriegen können?

„Die Kinder!“, fährt es mir blitzschnell durch den Kopf. Ich wende mich zu Ruth.

„Gehst du bitte zu den Kindern? Die sind jetzt schon ziemlich lange allein. Womöglich kommen sie und schauen nach uns.“

Ruth nickt nur kurz und verschwindet in der Tür. Ich wende mich wieder zu den Kriminalbeamten.

„Wir müssen jetzt Ihr Haus durchsuchen“, bemerkt der eine trocken. Wir müssen uns davon überzeugen, dass Herr Sodann sich wirklich nicht bei Ihnen aufhält.“

„Das geht doch aber nur mit einem Durchsuchungsbeschluss“, wende ich ein. Wortlos zieht der andere ein Papier aus der Tasche und hält es mir hin. Tatsächlich, ein gerichtlicher Beschluss! Was jetzt?

„Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir den Menschen verstecken, der unseren Kindern all dieses Leid angetan hat!“, flüstere ich entsetzt.

„Machen Sie bitte keine Schwierigkeiten!“, zischt einer von ihnen. Es bleibt mir keine andere Wahl. Die Herren verschließen ihre Jacken, um ihre Pistolenhalfter zu bedecken. Ich öffne die Haustür.

Zu allererst stürmen die Kriminalpolizisten das Wohnzimmer. Ruth sitzt dort, Susann auf dem Schoß, Jeannett dicht an sie geschmiegt.

„Was wollen die?“, wimmert Susann ängstlich. Ruth und ich wechseln verzweifelte Blicke. Jeannett versteckt ihr Gesicht.

„Wir haben doch wirklich nichts geklaut“, flüstert sie leise.

„Deshalb sind wir nicht hier!“, erklärt einer von ihnen gefühllos. „Wann habt ihr euren Vater zuletzt gesehen?“

Jeannett fasst sich zuerst. „Das war vor zwei Wochen im Stadtpark, als wir ihn zusammen mit Mama und Papa besucht haben.“

Der Beamte scheint verwirrt. „Welcher Papa, welche Mama?“, fragt er unerbittlich.

„Die Kinder nennen uns so“, erklärt Ruth.

„Ach so, also mit euren Pflegeeltern.“ Mein Gott, er hat´s! Beide scheinen zunächst zufrieden und treten zurück in den Flur, Einen kurzen Blick in das elterliche Schlafzimmer und in das Kinderzimmer, dann weichen sie in den Hausflur zurück. Einer nimmt sich das Obergeschoss vor, der andere den Keller, die Hand immer in der Nähe der Waffe. Schließlich treffen wir uns in meinem Arbeitszimmer im Obergeschoss.

„Sie wissen, die Kinder sind bei uns untergebracht. Sie haben eine schreckliche Vergangenheit gehabt in ihrem Elternhaus.“

Beide nicken, eher uninteressiert, so als ob sie sagen wollen: „Damit haben wir jeden Tag zu tun.“

„Wie geht das jetzt weiter?“, frage ich verunsichert. Bilder schießen mir durch den Kopf. Womöglich versucht der Kindesvater, sich der Kinder zu bemächtigen? Womöglich steht er bei uns vor der Tür und fordert die Herausgabe? Oder er fängt sie auf dem Schulweg ab? Mir wird schwindelig.

„Ganz einfach. Wir suchen so lange nach ihm, bis wir ihn haben und überstellen ihn dann der Strafanstalt.“

Dumme Antwort. Die hätte ich mir auch selbst geben können. Ich begleite die beiden zur Tür.

Unten im Wohnzimmer versucht Ruth die Kinder zu trösten.

„Warum suchen die nach unserem Vater?“, fragt Jeannett zaghaft.

„Du weißt, dass euer Vater etwas getan hat, wofür er eine Strafe bekommt. Er muss ins Gefängnis. Er musste sich dort heute melden, aber das hat er nicht getan.“ Susann weint leise.

Jeannett wird auf einmal sehr ruhig und sachlich.

„Weißt du, Mama, ich finde es richtig, dass er ins Gefängnis muss, wenn er so etwas Schreckliches getan hat. Ich finde es aber nicht richtig, dass er jetzt flüchtet. Er sollte nie wieder aus dem Gefängnis rauskommen.“ Und zu Susann gewandt: „Und du solltest das langsam auch mal begreifen!“

Susann hat sich inzwischen von Ruth gelöst. Sie sitzt auf dem Boden und starrt vor sich hin. Sie dissoziiert, empfindet all ihre Leiden nach.

Da plötzlich! Sie springt auf, ballt ihre Fäuste und springt auf Ruth zu.

„Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich!“, brüllt sie immer wieder, schlägt wie von Sinnen auf Ruth ein, kreischt wie am Spieß lebendig gebraten. Ruth versucht sie zu greifen und zu umarmen, um sie zu trösten. Schließlich geht Susann in ein leises Wimmern über, Jeannett baut sich vor sie auf, mit Augen zu Schlitzen verformt und mit versteinerter Miene.

„Susann, hör auf! Du solltest dich mal sehen!“, zischt sie ihre Schwester an.

Wir machen Susann einen Beruhigungstee, sie schlürft ihn am Küchentisch. Alles ist ruhig. Niemand redet ein Wort.

„Dürfen wir heute mal fernsehen?“ fragt Jeannett erschöpft.

Klar dürfen sie. Wir legen „Das fliegende Klassenzimmer“ ein, beide Kinder lachen eher verstohlen und der Nachmittag und Abend geht ganz ruhig und entspannt zu ende. Die Kinder brauchen uns jetzt mehr denn je.

Wir wissen, was jetzt auf uns zu kommt. Die Kinder sind aufgewühlt. Auch Jeannett, die nichts so schnell an sich heran kommen lässt. Dieser Tag wird sich, wie so viele schreckliche Erlebnisse zuvor, in ihr Gedächtnis eingraben, wird die vielen Gefühle des Verlassenseins, der Vernachlässigung und des Schmerzes wieder erstehen lassen. Wir wissen einmal mehr, dass wir diejenigen sind, die sie schützen und ihre Interessen vertreten müssen, egal, gegen wen und in welcher Lage. Werden wir dieser unmenschlich schwierigen Lage gewachsen sein? Werden wir immer wieder Verständnis für sie aufbringen können und sie erdulden können? Werden wir es schaffen, ihr Vertrauen zu erlangen? Es wird so schwer, dass uns die Vorstellung dafür fehlt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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