Advent und Weihnachten

Advent und Weihnachten ist die Zeit der Gemütlichkeit, des Kerzenscheins, alles ist harmonisch, die Familie trifft sich. Es gibt Bratäpfel und Gans, abgesehen von den Tonnen von Süßigkeiten. Das ist genau das Richtige für Pflegekinder, um mit Zucker ihre schlimmen Erfahrungen vergessen zu machen.

Es ist das erste Weihnachten bei uns. Aber auch eine Zeit, um unsere Traumakinder besser kennen zu lernen. Sie sind sehr verschieden.

Ruth bastelt für alle einen Adventskalender, für die Kinder eine Hängeampel mit vielen Dingen, auch Süßigkeiten, aber überwiegend netten Dingen für die Schule, Söckchen, alles, was schön ist und manchmal auch praktisch, eben ganz besondere Sachen.

Jeannett ist sehr gewissenhaft. Sie öffnet immer nur das Päckchen, das am jeweiligen Tag dran ist und hebt alles auf, auch die Süßigkeiten, behält sie bis weit ins neue Jahr hinein. Susann aber reißt alle Päckchen auf, verstreut sie im Kinderzimmer, verschlingt sofort alle Süßigkeiten und überfällt auch mal den süßen Teller. Sie kann einfach nichts liegen lassen, muss alles sofort haben oder aufessen. Ruth ist entsetzt, hat sie sich doch so viel Mühe gegeben. Alles Erklären, die Hilfestellung. jeden Morgen nur das Päckchen zu öffnen, das dran ist, nutzt nichts.

An Weihnachten gibt es viele schöne und praktische Dinge, auch was vom Wunschzettel, wie z.B. den neuen Kaufmannsladen. Jeannett ordnet ihre Geschenke genau nach Wichtigkeit. Die Süßigkeiten tut sie in eine Schüssel und bringt sie ins Kinderzimmer. Susann dagegen verliert bald das Interesse an ihren Geschenken. Die Süßigkeiten sind am nächsten Morgen vertilgt und die anderen Geschenke liegen im Wohnzimmer verstreut herum. In den nächsten Tagen bedient sie sich immer wieder an Jeannetts Buntem Teller, so lange bis er alle ist. Jeannett ist zornig und beschimpft ihre Schwester. Schon an den Feiertagen führt das zu einer explosiven Atmosphäre, die wir nur dadurch entschärfen können, dass wir Jeannett ab und zu etwas Süßes zustecken. Auch Susanns verbliebene Süßigkeiten haben wir konfisziert und teilen ihr nun zu, was sie von Verwandten und Bekannten bekommt. Alles Reden, alle Appelle nützen nichts.

In diesen Tagen lernen wir viel. Wir wissen, dass Susann kein Verhältnis zum Eigentum in einer Familie hat. Wir erfahren, dass wir ihr schöne Dinge zuteilen müssen. Und wir haben erfahren, dass Susann auch vor dem Eigentum der Familie nicht Halt macht. Wir werden uns darauf einstellen.

Vernachlässigte Kinder besitzen keine innere Instanz, die ihnen vermittelt, dass das Eigentum anderer nicht angerührt werden darf. Sie nehmen alles und sehen es als ihr Eigentum an. Diese Kinder sind nicht böse oder schlecht. Es fehlt ihnen einfach ein Stück Sozialisation. Für Jeannett als Versorgerkind war es immer wichtig, darauf zu achten, dass ihr Dinge nicht weggenommen wurden, die sie mit Susann teilen konnte. Susann musste sich nehmen, was verfügbar war. Sonst hätte sie nicht überleben können. Das alles erfahren wir aber erst später.

Für den Moment sind wir einfach nur enttäuscht und entsetzt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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