Unsere Kinder stehlen nicht!?

Dass Kinder aus sozial schwierige Verhältnissen es mit dem Eigentum nicht so genau nehmen, ist bekannt. Heimkinder tauschen Sachen aus, vernachlässigte Kinder besorgen sich etwas zum Essen und Spielen. Aber für uns gilt die Vermutung der Unschuld, so lange wir nicht eindeutige Beweise haben.

Eines schönen Sommertages steht ein aufgebrachter kleiner, untersetzter Mann an unserem Gartenzaun. Die Kinder sind gerade zurück vom Spielen mit Kindern aus der Nebenstraße. Der Mann ist rot vor Wut.

„Ihre Kinder haben bei uns geklaut. Sie haben einfach Puppensachen mitgehen lassen. Ich will die Sachen wieder haben! Mit solchen Drecksgören wollen wir nichts zu tun haben!“

Wir sind starr vor Schreck. Ich gehe zum Zaun und versuche zu schlichten.

„Wissen Sie das ganz genau?“ frage ich ruhig. „Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen.“

„Klar,“ poltert der Nachbar los, „ick weeß doch wat ick sehe!  Nich det die sich nochmal bei uns sehen lassen!“

Er stapft von dannen.

Wir holen die Mädel zum Gespräch auf der Terrasse.

„Was ist da passiert?“, frage ich die beiden. „Habt ihr geklaut oder nicht?“

„Nein, wirklich nicht!“, beteuert Jeannett. „Wir haben wirklich nichts geklaut!“

Susann sitzt regungslos da, den Kopf gesenkt.

Ruth verschwindet und kommt wenig später mit einer Plastiktüte wieder, gefüllt mit Puppensachen, die nicht zu uns gehören.

„Und was ist das hier?“, fragt Ruth streng.

Stille.

„Wir haben nur die Sachen ausgetauscht. Die haben auch was von uns.“, erklärt Jeannett.

„Seid ihr denn noch zu retten?“ Ich bin erregt. „Ihr könnt doch nicht einfach etwas von anderen Kindern mitnehmen! “

„Aber im Kinderheim haben wir immer alles getauscht.“, flüstert Susann, noch immer mit gesenkten Kopf.

„Tatsache ist, dass der Vater der Kinder die Sachen zurück haben will. Überlegt euch doch mal, wie das ist, wenn die Leute mit Fingern auf euch zeigen und sagen: Das sind die beiden, die klauen, vor denen musst du dich vorsehen!“

Stille.

„Also“, hole ich aus. „Ihr geht da jetzt hin, bringt die Sachen hin und entschuldigt euch. Das ist das Mindeste.“

Susann blickt mich flehend an.

„Papa, kannst du mitkommen? Ich trau mich nicht.“

„Ich auch nicht“, bekräftigt Jeannett.

Also gehen wir mit, aber wir halten uns im Hintergrund.

Im Vorgarten steht ein Rohbau, dahinter ein unverputztes Bungalow. Spielsachen liegen umher.

Als die Kinder klingeln, öffnet ein kleines, blondhaariges Mädchen, schmuddelig gekleidet. Jeannett geht vor.

„Ich wollte nur deine Sachen zurück bringen.“

„Gib schon her!“, keift sie. „Wird ja auch Zeit!“

Jeannett setzt noch einmal an. „Können wir unsere Sachen auch wieder haben?“

„Was für Sachen? Ich habe keine Sachen von euch!“, erwidert sie scharf.

„Können wir deinen Papa mal sprechen?“, frage ich.

„Der ist nicht da.“, antwortet das Mädchen, in derselben Schärfe. Von draußen kommt eine Männerstimme.

„Mach endlich die Tür zu!“

Die Kinder drehen sich um und wir gehen nach Hause.

Was sollen wir glauben? Ruth erwähnt gegenüber mir, dass neulich beim Einkaufen irgend etwas die Alarmanlage ausgelöst hat, als sie den Supermarkt verließen. Sie sei sich nicht sicher, aber Jeannett habe dann etwas fallen gelassen. Und wie die Situation heute sich genau zugetragen hat, weiß keiner. Heimkinder haben kein Gefühl für Eigentum und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie unbeabsichtigt Dinge mit- oder wegnehmen, ohne dafür ein Schuldgefühl zu besitzen.

Jedenfalls wird uns das Thema Entwenden noch sehr häufig beschäftigen, so viel ist sicher.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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