Einschulung-Ausschulung

Schule ist für Pflegekinder immer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bedeutet es ein neues soziales Umfeld, in dem sie neue Erfahrungen sammeln und Gleichaltrige treffen können. Andererseits können sie den Leistungsanforderungen oft nicht genügen. Viel zuviel haben sie mit ihrer Vergangenheit zu tun. Außerdem sind sie immer in einem Erklärungsnotstand. Warum wohnst du nicht bei deinen Eltern? Warum wohnst du bei fremden Leuten? Was sind Pflegeeltern? Warum heißen deine Mama und dein Papa anders als du? Nicht einmal die Lehrer können solche für die Kinder wichtigen Fragen beantworten.

Es ist Susanns erster Schultag. Sie ist stolz in ihrem hübschen Kleidchen und mit  der prall gefüllten Schultüte. Ein neuer Füller, eine Federtasche, Bunt-, Blei- und Filzstifte und ein paar Süßigkeiten. Es gibt eine Feier in der Schule, die anderen Klassen singen und führen ein Theaterstück vor. Dann lernen die Schulanfänger ihren Klassenraum und die Klassenkameraden kennen. Danach geht es im Familienkreise in ein Restaurant zu einem kleinen Mittagessen. Susann steht im Mittelpunkt. Das gefällt ihr. Jeannett ist ruhig und etwas zerknirscht. Sie ist nicht der Mittelpunkt heute.

Die nächsten Schulwochen verlaufen angespannt. Susann begreift, dass der Kindergartenbesuch in den Wochen zuvor eine andere Qualität hatte. Schon die Struktur des Schulalltages fordert sie bis an die Grenzen. Sie ist nervös und unkonzentriert, entweder hyperaktiv oder völlig apathisch in Gedanken versunken. Die Lehrer wissen nicht weiter, informieren uns dringlich wieder und wieder. Sie erwarten, dass wir etwas tun, dass wir das tun, wovon sie nicht wissen, was es sein könnte. Sie sind überfordert.

Also entscheiden wir, dem grausamen Spiel ein Ende zu setzen. Aber so einfach ist das nicht. Wer einmal eingeschult ist, ist schulpflichtig. Also muss ein Termin beim Schulpsychologen gemacht werden, zu dem Susann begutachtet wird. Daraus wird ein Bericht verfasst, der dem Schulamt zugeleitet wird. Das Schulamt entscheidet dann über eine mögliche Zurückstellung.

In unserem Fall wird entschieden, dass Susann noch ein Jahr die Vorschule des Kindergartens besucht und dann wieder eingeschult wird. Wir besprechen alles ganz genau und ruhig mit Susann. Von ihr ist eine Last genommen, aber das Problem ist nur verschoben. Nach einem Jahr gibt es eine erneute Einschulung; die Schultüte fällt nicht so reichhaltig aus. Aber wäre es nicht gemein, sie ohne Schultüte am ersten Tag teilnehmen zu lassen? Auch wenn sie den Beginn der Schule schon kennt.

Zu diesem Zeitpunkt sind wir noch absolut naiv. Wir kennen die Gründe nicht, aus denen Susann die Schule nicht bewältigt. Wir wissen viel zu wenig über ihre früheste Kindheit, und das, was wir kennen, können wir nicht richtig einschätzen. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass Susanns Entwicklung um Jahre verzögert ist. Wir wissen nicht, warum Susann manchmal aggressiv und manchmal zurückgezogen in der Schule reagiert. Fachleute machen sich nicht die Mühe der Ursachenforschung. Noch viel weniger wissen es die Lehrer. Und so bessert sich nach der zweiten Einschulung nicht wirklich etwas.

Das Schulsystem ist nicht für benachteiligte, traumatisierte Kinder gemacht. Es orientiert sich an der „Normalität“, und die, die unauffällig durchs Leben gehen. Unsere Pflegekinder werden immer, stets und ständig, in diesem auf Kognition und Leistung orientierten Schulsystem benachteiligt sein. Diese Erkenntnis ist schwer, aber sie spiegelt die Realität wider.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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