Urlaub an der Nordsee

Die Urlaubszeit ist in allen Familien die schönste Zeit. Entspannung, neue Eindrücke, gemeinsame Erfahrungen schweißen die Familie zusammen. Was wir aber nicht bedenken, ist, dass eine Urlaubsfahrt für traumatisierte Pflegekinder die absolute Ausnahmesituation ist. Meist kommen sie aus Familien, die sich Urlaubsreisen nicht leisten konnten oder sie haben im Heim die obligatorische Urlaubsreise gemacht, die bedeutet, dennoch immer in der Gruppe zu sein und sich behaupten zu müssen: Verlegung der sozialen Situation an einen anderen Ort.

Schon früh haben wir erkannt, dass eine Urlaubsreise für unsere beiden Mädel anstrengend ist. Stundenlange Autofahrten sind für sie eine Belastung, sie beginnen, sich zu streiten und verlangen nach Bewegung. Das Schlafen im Zelt bedeutet eine Ausnahmesituation. Aufgaben sind beim Camping genau so zu erfüllen, wie zu Hause, nur eben auf kleinerem Raum. All das haben wir präzise geübt, wieder und wieder. Nun ist es so weit und der „Ernstfall“ tritt ein.

Wie auch schon früher haben wir ein Auto gemietet, eins, in dem wir Zelte und die Haushaltsgegenstände unterbringen können. Eine Woche werden wir weg sein. Wie immer hat Ruth die Sachen gepackt, Reiseproviant besorgt, wir haben Kocher und Kühlbox ins Auto geladen. Nun verschließen wir das Haus. Wir sind gespannt, wie die Kinder die neue Situation aufnehmen werden.

Der Zeltplatz liegt in der Nähe eines ostfriesischen Dorfes, vor dem Deich. Das Wetter meint es gut mit uns, warme bis heiße Tage und laue Nächte und kein Regen. Was für die Natur nicht immer gut ist, nimmt uns eine Sorge, die wir hatten: Es gibt keinen Regen. Aber es gibt auch keinen Schatten.

Den Kindern tut der Urlaub gut. Wechsel zwischen Pflichten wie Zubereitung des Essens, Aufräumen der Zelte und Abwasch einerseits und Freizeit andererseits schafft eine entspannte Atmosphäre. Das Toben in den Wellen am Strand und die sportliche Bewegung machen sie abends müde und zufrieden. So könnte es immer weiter gehen, denke ich mir.

Eines Abends sitzen wir am Strand des Zeltplatzes, da rollen zwei Liegeräder mit Anhängern auf uns zu und halten direkt am Strand. Eine englische Familie, die die Nordseeküste tourt. Heute sind sie hier. Ich wende sofort meine Englischkenntnisse an und wir unterhalten uns. Sie sind dankbar für Tipps, die sie von mir bekommen.

Jeannett steht erst in sicherer Entfernung und beobachtet uns. Langsam kommt sie immer näher. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie setzt sich nah zu mir. Es scheint ihr unglaublich, dass ich eine Sprache spreche, die sie nicht versteht. Vielleicht spürt sie auch etwas davon, dass ich mich, wenn ich Englisch rede, ein bisschen verändere, eine andere Identität besitze, ein anderer bin.

Als wir wieder im Zelt sind und es Zeit ist, zu Bett zu gehen, spricht mich Jeannett an.

„Papa, welche Sprache hast du da geredet mit den Leuten?“

„Das war Englisch, meine kleine Schnecke.“

„Woher kannst du das?“

„Ich habe es in der Schule gelernt und in England gearbeitet.“

„Wann war das?“

„Das ist schon ein paar Jahre her. Ich habe damals an einer Schule gearbeitet und den englischen Schülern Deutsch beigebracht.“

„Und musstest du da immer Englisch sprechen?“

„Ja, natürlich. Alle Menschen sprechen da Englisch.“

„Und kann ich das auch lernen?“

„Klar, meine Kleine. Du musst dir nur etwas Mühe geben.“

„Ich möchte auch nach England fahren und Englisch lernen, Papa.“

„Das kommt später, meine Kleine“, vertröste ich sie. „Jetzt gehst du erst einmal ins Bett und schläfst. Gute Nacht.“

Nie hätte ich damit gerechnet, dass Jeannett eine solche Reaktion gezeigt. Das ist der Stoff, aus dem Träume und Zielvorstellungen sind! Wenn da nicht immer die verletzenden Erfahrungen aus der Vergangenheit wären…

An einem Tag machen wir einen Ausflug nach Cuxhaven. Wir schlendern über die Strandpromenade, gehen ein Eis essen. Schließlich machen wir uns auf den Rückweg zum Auto.

„Können wir unten am Wasser entlang gehen?“ fragt Jeannett.

„In Ordnung“, sage ich. „Aber nur mit den Füßen ins Wasser!“

„Ja, machen wir. Komm, Susann!“

„Da hinten seid ihr wieder oben, da treffen wir uns.“

Und schon sind sie entschwunden. Es ist heiß. Der Strand ist voll mit Menschen, liegend, laufend, spielend. Bald können wir die beiden nicht mehr sehen. Wir kommen am vereinbarten Treffpunkt an, aber die Kinder sind nicht da. Wir können sie nicht mehr sehen. Schwitzend und entnervt laufen wir den Abschnitt der Uferpromenade entlang, wieder und wieder. Aber die Kinder bleiben verschwunden.

Nach einer halben Stunde entschließen wir uns, die Polizei zur Hilfe zu rufen.

„Wir sind Pflegeeltern und mit unseren Pflegekindern hier“, erkläre ich dem Beamten am Telefon. „Irgendwie haben wir sie an der Strandpromenade verloren und können sie nicht wieder finden. Das ist uns sehr peinlich.“

„Das kriegen wir schon wieder hin“, tröstet mich der nette Polizist. „Bleiben Sie, wo Sie sind, wir schicken einen Einsatzwagen hin.“

Zehn Minuten können so lang sein! Als der Streifenwagen eintrifft, hören die Beamten sich die Geschichte erst einmal an.

„Machen Sie sich keine Gedanken. So was passiert hier jeden Tag mindestens dreimal. Steigen Sie erst einmal ein.“

Unsere beiden Helfer fahren jetzt im Schritttempo die Uferpromenade entlang. Aus dem Lautsprecher erschallt in regelmäßigen Abständen die Ansage des Beifahrers.

„Jeannett und Susann bitte zum Polizeiwagen kommen – Jeannett und Susann bitte zum Polizeiwagen kommen!“

Da – auf einer Treppe, die vom Strand auf die Promenade führt, sitzt sie: Susann, in Tränen aufgelöst. Langsam erhebt sie sich, trollt sich zum Polizeifahrzeug.

„Ich dachte schon, ihr wollt uns nicht mehr. Bin ich froh!“

„Aber wo ist denn Jeannett?“ fragt Ruth aufgeregt.

„Das weiß ich auch nicht“, flüstert Susann, „sie wollte unbedingt alleine gehen.“

In diesem Moment erscheint Jeannett am Wagen.

„Was ist denn? Habt ihr die Polizei geholt? Ich habe mich kaum getraut, herzukommen.“

„Jeannett, wir haben euch gesucht!“, errege ich mich.

„Ich war doch bloß am Wasser. Und, ich glaube, wir sind in die falsche Richtung gegangen.“

Wir sind so froh, alle wieder beisammen zu sein. Eins will ich noch wissen.

„Der Einsatz ist ja nun aktenkundig.“, wende ich mich an die Polizisten. „Bedeutet das, dass Sie das Jugendamt informieren?“

„Da machen Sie sich mal keine Gedanken, da hätten wir ja viel zu tun!“, beruhigt mich einer der Beamten. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Peinlich wäre es allemale.

Aber auch Jeannett und Susann sind unsicher.

„Dürfen wir bei euch bleiben, oder nimmt uns das Jugendamt euch wieder weg?, fragt Jeannett unsicher.

„Nein, sei ganz beruhigt, das passiert nicht“, sage ich. Beide kuscheln sich an uns an und wir gehen heute Abend noch zum Essen in ein Restaurant, um unser Wiedertreffen zu feiern.

Wir bemerken, dass das Verhalten unserer beiden heute besonders tadellos ist.

Niemals hätten wir uns vorgestellt, wie stark die beiden schon an uns gebunden sind. Aber auch wie unsicher sich Susann noch unserer Bindung ist. Jeannett hingegen reagiert, wie sie es gelernt hat: Auf Situationen des Alleingelassenseins reagieren, indem sie überlegt, was zu tun sei, voller Misstrauen gegen die Erwachsenenwelt und sich selbst rettend, dabei vermutend, dass sie – wieder einmal – einen undefinierbaren Fehler gemacht haben könnte. Ihr fehlt die Möglichkeit, ihre Handlungen und Entscheidungen richtig einzuschätzen.

Ausgerechnet einen Monat nachdem die Kinder zu uns gekommen sind, muss uns so ein gravierender Fehler passieren. Wir hätten deutlicher machen müssen, wo wir uns treffen oder, besser, die Kinder nicht allein gehen lassen dürfen. Etwas verunsichert sind wir schon. Aber die Sache hatte einen guten Ausgang. Auch wenn wir bemerken mussten, dass auch wir nicht vor Fehlern gefeit sind, wissen wir jetzt, welch hohen Stellenwert die emotionale Bindung der Mädchen an uns hat und wie sie beide auf eine Trennung reagieren. Und Trennungen hatten sie in ihrem Leben schon genug.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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