Missbrauch: Eindeutige Anzeichen?

Es ist nicht einfach, herauszufinden, ob ein Kind missbraucht worden ist. Meist gibt es nur Symptome, die zu beobachten sind. Manchmal sind sie aber so eindeutig, dass es kaum einen Zweifel gibt.

Heute machen wir eine Beobachtung, die uns erschüttert. Aus dem Kinderzimmer dringen merkwürdige Laute, die wir dort nicht vermutet hätten. Wir beschließen, entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, ohne anzuklopfen, das Kinderzimmer zu betreten. Was wir sehen, macht uns hilflos. Da sehen wir Susann im Bett liegend, Jeannett auf ihr, in einer unzweideutigen Position.

„Du musst dich jetzt bewegen und stöhnen! Los, beweg dich!“

Susann liegt wimmernd und weinend unter ihr. „Jeannett, nein, hör auf, hör auf!“

Was tun wir jetzt? Jeannett zeigt keine Anzeichen für Unrechtsbewusstsein oder Reue, sie scheint wie in einer anderen Welt.

Ruth beugt sich hinab zu den beiden und berührt Jeannet sanft an der Schulter. Die rollt sich lachend aus dem Bett.

„Jeannett, komm, geh in dein Bett“, redet Ruth beruhigend auf sie ein. Als Jeannet in ihrem Bett liegt, dem Anschein nach völlig unschuldig, setzt sie sich zu ihr.

„Weißt du, Jeannett, was du eben getan hast, tun nur Erwachsene. Sie tun es, weil sie sich lieb haben und Kinder bekommen wollen. Das ist nichts für Kinder. Hast du sowas schon mal gesehen?“

Jeannetts Gesicht ist steinhart. Sie nickt unmerklich.

„Hat das jemand mit dir schon einmal gemacht?“, fragt sie.

Jeannett hört nicht mehr zu, sie ist ganz weit weg. Ihre Augen sind zugekniffen, ihr Mund schmal. Das ist Antwort genug.

Währenddessen spreche ich beruhigend auf Susann ein, sitze bei ihr am Bett. Sie schluchzt leise.

„Es ist alles in Ordnung, niemand tut dir etwas. Mach die Augen zu und versuch zu schlafen.“

„Ich träume immer so schlimm“, flüstert sie leise. „Immer träume ich von Männern, die mir weh tun. Es ist schon weniger, früher, im Heim, da war das jede Nacht.“

Wenn sowas passiert, darfst du jederzeit zu uns kommen und uns aufwecken“, biete ich ihr an. „Dann kuscheln wir ein bisschen und dann ist alles wieder gut.“

Susann nickt leise. Ich streichle sie etwas an der Schulter und im Gesicht. Sie beruhigt sich. Leise stimme ich für beide noch „Should auld acquaintance…“ an. Nun sind sie ganz wieder die lieben, unschuldigen Kinder, die wir kennen. Bald werden sie schlafen.

Diese Situation hat uns alles abverlangt. Ruth hat so toll und der Situation angemessen reagiert. Glaube ich. Was sonst hätten wir tun sollen? Mit Jeannett schimpfen, sie zur Rede stellen? Sie war sich doch keiner Schuld bewusst. Sie hat nur nachgespielt, was sie gesehen hat oder was ihr vielleicht selber auch schon passiert ist. Und Susann, kennt sie auch solche Situationen?

Was uns erschüttert, ist, dass Jeannett die Situation offensichtlich ausgenutzt hat, um Macht über Susann auszuüben. Genau so, wie es Vergewaltiger mit ihren Opfern auch tun. Für uns hat sich einmal mehr bestätigt, dass diese beiden Kinder missbraucht worden sind. Wir wagen uns nicht vorzustellen, was das in den Kindern zerstört haben muss. Und uns fehlt jedes Verständnis dafür, dass das Jugendamt sich mehr für die leiblichen Eltern einsetzt als für deren Opfer.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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