Jeannetts Geburtstag

Kindergeburtstage sind immer etwas Tolles – wie es sich gehört, besonders für die Kinder. Die Eltern organisiern, dass die Kleinen bespaßt werden und der Nachwuchs kann fast alles tun, was ihm gefällt.

Jeannett hat viele Freunde aus der Klasse und Schule eingeladen und das Haus ist voll. Dazu sind noch die Verwandten aus Hameln gekommen, Pflege-Oma Pflege-Opa und Pflege-Tante. Auch die anderen Omas und Opas sind erschienen, aber sie halten es nicht lange aus. Der Krach ist zu groß und so sind sie nach dem Kaffeetrinken, als es etwas turbulent wird, wieder weg.

Es ist ein wunderschöner Junitag. Topfschlagen und Schokoladenwettessen sind dabei. Dann rufe ich zur Dorfrallye auf. Sorgsam habe ich Aufgaben erprobt, zusammengestellt und über Computer ausgedruckt. Der Bahnübergang darf nur bei offener Schranke überquert werden. Überall gibt es Informationen, die zusammen zu tragen sind. Zum Schluss muss ein Wassereimer gefüllt und mit nach hause gebracht werden.

Jeannett hat ihre Gruppe fest im Griff. Sie will bestimmen, was passiert und welche Aufgaben zuerst erfüllt werden sollen. Aber die anderen machen da nicht immer mit. Als sie zurückkehren, ist Jeannet sauer. Ihre Gruppe hat nicht gewonnen. Sie verkriecht sich in ihr Zimmer und schmollt.

Erst, als die Würstchen und Putenbrustfilets auf dem Grill schmoren, läßt Jeannett sich wieder blicken. Sie ist ruhiger, drängt sich nicht mehr in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre ist entspannt und auch Susann ist zufrieden. Bis alle Eltern ihre Kids abgeholt werden und man noch etwas geplaudert hat, ist es Mitternacht.

Heute haben wir dazu gelernt: Selbst Kindergeburtstage sind bei traumatisierten Kindern anders. Allein die Tatsache, dass der Ehrentag gewürdigt und nicht einfach vergessen wird, ist etwas Besonderes. Dass es Geschenke gibt, endlich wie bei anderen Kindern auch, ist auch nicht üblich gewesen. Jeannett hat sich vorgestellt, dass sie den ganzen Tag im Mittelpunkt steht und hat dabei vergessen, dass es ihre Schwester ja auch noch gibt. Die beschwert sich bitterlich darüber, dass Jeannett auch ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hat und befürchtet, dass sie sie ihr wegnehmen könnte.

So zieht sich das Thema Konkurrenz zwischen den Geschwistern und Kampf um Aufmerksamkeit durch die Pflegeeltern wie ein roter Faden durch die bisherigen Wochen unserer Pflegschaft. Immer geht es um das Thema, dass die leiblichen Eltern der beiden nicht in der Lage oder willens waren, ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben. Diese missratenen Bindungsversuche übertragen sie nun auf uns und befürchten, dass wir nicht beiden geben können, was sie brauchen. Jede einzelne von ihnen befürchtet, hintenan stehen zu müssen. Jede von ihnen will endlich im Mittelpunkt stehen können.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Der Kampf um Normalität abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s