Wir treffen den Vater

Verwandtenbesuche sind normalerweise etwas langweilig. Man sitzt am Tisch, isst Kuchen und trinkt Kaffee. Für Kinder ist das meistens nichts. Schon nach kurzer Zeit drängt es sie, aufzustehen und herumzutollen. Wer vernünftig ist, gibt diesem Drang nach.

Für Pflegekinder ist ein solcher Besuch bei den leiblichen Eltern etwas ganz anderes, aufregendes. Sie werden bei ihren Eltern abgeliefert, dürfen wo möglich bei ihnen übernachten, kommen dann zurück in die Pflegefamilie. Die Pflegeeltern stellen dann zumeist fest, dass die Kinder bei den Eltern alles durften, fernsehen, toben, eben alles. Sie haben meist damit zu kämpfen, dass sie verwildert sind, aggressiv oder depressiv.

Genau aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit dem Jugendamt und dem Kindesvater vereinbart, dass Umgangskontakte auf neutralem Boden stattfinden und in unserer Begleitung. Der Wohnort des Kindesvaters ist  tabu, schon deshalb, weil wir nicht wissen, wie die Kinder reagieren würden, wenn sie an den Ort ihrer Leiden zurück kehren. Und es gibt noch eine Grundvoraussetzung: Sobald die Mutter der beiden auftaucht, ist der Umgangskontakt beendet. Darauf besteht das Jugendamt, weil sie sich nicht bemüht hat, beim Jugendamt vorstellig zu werden und das weitere Vorgehen zu besprechen. Sie scheint irgendwie nicht im geringsten interessiert.

Also setzen wir uns in die Bahn und fahren zu einem Spielpark, der uns bekannt ist und der den Kindern viel bietet, zu klettern, zu toben und sich zu bewegen.

Es ist drei Uhr nachmittags und wir stehen am Eingang, wo wir uns verabredet haben. Die Zeit vergeht, es vergehen zehn Minuten, fünfzehn, dann zwanzig. Da klingelt mein Handy.

„Ja, hier ick, wir ham uns veaabredet, aber ick steh hier und keener is da!“ ertönt eine rauchige, tiefe Stimme aus dem Telefon.

Aha. Ein Berliner im Exil. Kennt sich nicht aus?!

„Wo sind Sie denn jetzt?“, erkundige ich mich mit bewußt ruhiger Stimme.

„Na, ick bin jetze hier an dem Spielplatz, hier in der – wat issn dit für ne Straße bloß… Ick gloobe, Südstraße. Ick war hier noch nie.“

Gut. Also erkläre ich ihm in langsamen Worten und mit viel Wiederholung, wie er uns findet.

„Iss jut, ick komme“, versichert er mir.

Zehn weitere Minuten Wartezeit. Dann biegt ein blaues Cabrio Zweisitzer mit offenem Verdeck und nicht überhörbarem Motorengeräusch um die Ecke und hält direkt vor uns.

„Wat is´n dit hier, hier kricht man ja noch nich mal `n Parkplatz!“ begrüßt er uns. Ein kurzes Aufheulen des Motors und ein Sprung mit den Vorderrädern auf den Gehweg, Motor abgestellt.

Vor uns steht ein älterer Mann mit Lederjacke und Jeans, rotem, kugligen Kopf und Schmerbauch.

„Tach“

Sieht die Kinder, versucht sie beide, in den Arm zu schließen, sie an sich zu drücken und spitzt seinen Mund, um die Kinder zu küssen. Die drehen ihren Kopf bewusst weg, um dem Kuss auf den Mund auszuweichen.

„Gehen wir in den Park?“ schlage ich vor. Ruth geht vor, die Kinder rechts und links an ihren Händen, dahinter wir beiden Männer. Wir laufen bis zu einem großen Platz mit einer Vielzahl von großen Spiel- und Klettergeräten. Sofort stürzen die Kinder los.

Da fällt Jeannett ein, dass sie ihr schickes kleines Handtäschchen los werden muss. Sie läuft auf mich zu, streckt die Hand mit dem Täschchen nach mir aus.

„Papa, kannst du mal halten?“

Sie errötet schlagartig. Der andere Papa blickt irritiert, ein Augenlid zuckt hektisch.

„Ich meine, Nico, kannst du mal halten?“, verbessert sie sich eilig und entflieht der peinlichen Situation in Richtung Rutsche.

„Ick bin schon Ewigkeiten nich mehr uff`m Spielplatz jewesen“, scheint er sich entschuldigen zu wollen. „Dit lassen meene Jeschäfte nich su. Aba is ja ooch ma nich schlecht.“

Wir machen brav Smalltalk, wo kommen Sie denn her, haben Sie lange gebraucht, um uns zu finden…

Plötzlich entfährt es ihm.

„Wissta, Kinda, wolln wa nich du sajn? Ick bin der Rudi.“

Ja, auf diese Situation hat man uns zeitig vorbereitet. Keine Kumpaneien, immer schön Abstand wahren und professionell bleiben!

„Das ist uns nicht so lieb“, formuliert Ruth vorsichtig. „Vielleicht später mal.“

Wohl wissend, dass später nie eintreten wird. Rudi ist leicht sauer.

Die Kinder kommen angerannt. „Mammaaa, wir haben Hunger.“

Natürlich hat Ruth vorgesorgt, mit Broten, leckerem Kuchen, Schokolade und Fruchtsaft. Rudi kam es nicht in den Sinn, den Kindern etwas mitzubringen.

„Papa“, spricht Jeannett Rudi an, „ich habe übermorgen Geburtstag!“

„Ja richtich“, versucht er, Intersse zu heucheln. „Wie alt wirste denn?“

Ruth blickt mich entsetzt an.

„Ich werde jetzt acht Jahre, und ich wünsche mir von Mama und Pa… ähm, Nico einen Kaufmannsladen und Inline-Skater. Ich wünsche mir sie so!“

„Komm, Jeannett“, drängt Susann, „lass uns wieder auf die Rutsche gehen!“

Zwei Stunden schleichen dahin, ohne ein erwähnenswertes Gespräch. Dann machen wir uns auf den Weg, wir zum Bahnhof und Rudi zu seinem schicken Cabrio. Ob er nach Hause findet? Oder ob er eher zufällig durch die Straßen kurvt, um den Leuten zu zeigen, was für ein toller Typ er ist?

Zuhause angekommen, gibt es Abendessen. Susann scheint ihren Vater kaum zur Kenntnis genommen zu haben. Aber Jeannett sieht grüblerisch aus. Schließlich ergreift sie das Wort.

„Weißt du, Mama“, beginnt sie, „eigentlich müsste ein Mann wie mein Papa ins Gefängnis und dürfte nicht mehr raus. Er hat fast meine Mama erschlagen. Er müsste mit uns drüber reden. Warum besuchen wir ihn eigentlich noch?“

„Jeannett, sowas darfst du doch nicht sagen!“, schaltet sich Susann ein.

„Na stimmt doch!“, wehrt sich Jeannett.

Ruth hat sich als erste sortiert.

„Jeannett, du hast Recht, und dein Papa wird auch ins Gefängnis müssen. Aber er wird wieder frei gelassen, wenn er seine Strafe abgeleistet hat. Menschen, die sich strafbar gemacht haben, müssen dafür auch büßen.“

„Aber warum wird er wieder frei gelassen, nach dem was er getan hat?“

Jeannetts Stimme klingt eher anklagend.

„Das ist eben Gerechtigkeit. Und wenn er sich gut verhält, kommt er früher frei“, versucht Ruth zu erklären.

Jeannett hat einen finsteren Gesichtsausdruck.

„Das versteh ich nicht.“

Kinder lieben ihre Eltern, egal, unter welchen Umständen. Schließlich sind sie die ersten Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen und die häusliche Situation ist die „normale“, die Bezugssituation. Werden sie vernachlässigt oder ihnen Gewalt angetan, empfinden sie das als die Reaktion auf ihr Verhalten. Deshalb werden sie ihre Eltern auch meist verteidigen oder für deren Verhalten Erklärungen suchen.

Wir haben es als Pflegeeltern schwer mit dem Kontakt zu einem Menschen, dessen Welt, in der er lebt, Lichtjahre von unserer entfernt ist. Immer spüren wir das Entsetzen in uns aufsteigen, wenn wir damit konfrontiert werden, was dieser Mensch seinen Töchtern angetan hat.

Dürfen wir uns von unseren moralischen Vorstellungen leiten lassen? Oder sollten wir Verständnis aufbringen für einen Mann, der unfähig ist, seine Kinder vernünftig zu versorgen und zu erziehen und ihnen Gefühle entgegen zu bingen?

Wir können unsere mitmenschlichen Prinzipien nicht aufgeben, und wir brauchen es auch gar nicht. Es gibt keinen Grund, die leiblichen Eltern, die versagt haben, gegenüber den Kindern schlecht zu machen, aber es kann und darf von uns auch nicht verlangt werden, sie gut zu machen. Wir akzeptieren sie als Menschen, die, wie jeder Mensch, ein Schicksal zu tragen haben, aber wir verlangen von ihnen genau das, was wir von jedem anderen Menschen verlangen würden: Fairness und Mitmenschlichkeit. Wir versuchen, ihnen zu verdeutlichen, dass jede Handlung gegenüber ihren Kindern unmittelbare Konsequenzen für diese hat und dass sie für diese Handlungen Verantwortung übernehmen müssen. Auch, wenn das ihnen nur selten gelingt.

Letztlich interessieren uns die leiblichen Eltern nur im Zusammenhang mit den Kindern. Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Aber es muss weiteres Leid von ihnen abgewendet werden. Dafür stehen wir ein und vertreten deshalb auch nicht die Interessen der leiblichen Eltern, sondern der Kinder, die schmerzvoll unter ihren Eltern gelitten haben und noch leiden.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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