Au ja, wir zelten!

Für Kinder wie für einige Erwachsene bedeutet es eine Art von Freiheit, in der freien Natur zu schlafen, nur mit einem Leinentuch über dem Kopf. Für unsere beiden Mädels ist es etwas Besonderes, Neues, etwas nie Dagewesenes, Aufregendes.

Für uns hat das Camping nichts mit Entsagung und fehlendem Luxus zu tun. Es bedeutet auch nicht, dass wir die Gemeinschaft von Gleichgesinnten besonders schätzen. Wir wissen nur, dass es Zeltplätze wie in Frankreich gibt, auf denen es an nichts fehlt, vom Stromanschluss bis zur Waschmaschine, und die für so viel Luxus sehr preiswert sind.

Es ist unsere Idee, mit den Kindern im Sommer zum Zelten zu fahren. Kinder mögen das Zelten. Sie beherrschen es intuitiv, so unsere Überzeugung. Trotzdem aber meinen wir, man sollte es vorher einmal ausprobiert haben.

Das Wochenendwetter ist nicht zu überbieten, strahlender Sonnenschein, trockene Luft, für einen Frühling ziemlich laue Nächte. Also beschließen wir, hinten im Garten das Zelt aufzubauen. Jeannett und Susann frohlocken, sie helfen uns mit dem Aufbau und nach getaner Arbeit toben sie um die Behausung herum. Luftmatratzen, Schlafsäcke, Puppen und Kuscheltiere  werden ins Zelt geschleppt. Alles ist für die Nacht in freier Natur bereit. Wie es sich gehört, grillen wir zünftig auf der Terrasse.

Dann ist es Zeit, um ins Bett zu gehen. Die Mädchen verschwinden im Zelt und kuscheln sich in ihre Schlafsäcke. Noch ist es hell. Ein bisschen unterhalten sie sich noch, dann ist alles still. Die Dunkelheit ist einbebrochen. Vorsichtshalber haben wir die Kellertür unverschlossen gelassen.

Wir genießen den Tagesausklang vor dem Fernseher. Da hören wir eine Tür und Schritte auf der Treppe in den Keller. Susann steht im Wohnzimmer, verschlafen und verstört.

„Ich kannn nicht schlafen. Ich habe Angst. Alles um das Zelt herum knackt und raschelt und ich habe auch schon wilde Tiere gehört, als ich aufgewacht bin.“

Ruth nimmt sie in den Arm. „Du musst nicht draußen schlafen, meine Kleine“, beruhigt sie sie. „Aber es gibt in unserem Garten keine wilden Tiere. Vielleicht mal eine Maus, aber das ist alles.“

Susann schleicht in ihr Bett und schläft sofort ein. Vorsichtshalber schauen wir nach Jeannett. Die schläft tief und fest in ihrem Schlafsack.

Am nächsten Morgen ist Jeannett zeitig in der Küche.

„Was ist denn jetzt los?“ ereifert sie sich. „Warum ist Susann nicht mehr im Zelt?“ Und zu ihr gewandt: „Du bist wohl feige, hast du drin geschlafen?“

Ruth schaltet sich ein. „Susann war es ein bisschen unheimlich, da ist sie in ihr Bett gegangen. Das ist doch nicht schlimm.“

Jeannett blickt verächtlich. „Wie willst du das denn je hinkriegen, wenn du nicht mal ein bisschen durchhalten kannst! Ich hab´s doch auch geschafft.“

„Hattest du keine Angst?“ fragt Susann leise. „Das ist doch völlig unwichtig!“ bellt Jeannett ihre Schwester an, „Ich hab´s geschafft und du nicht!“

Ruth kuschelt beide Mädchen an sich und beruhigt sie. „Das ist doch alles nicht so schlimm. Das nächste Mal kriegen wir das schon hin. Dann weiß Susann bescheid und du, Jeannett, hilfst ihr und beruhigst sie, wenn sie Angst hat.“

Jeannett blickt finster, aber sie traut sich nichts mehr zu sagen.

Ist unser Vorhaben nun gescheitert? Jeannett will unbedingt zelten. Susann füchtet sich.

Zum ersten Mal haben wir einen Eindruck von der Beziehung der beiden Schwestern zueinander bekommen. Jeannet ist draufgängerisch und beherrscht, sie traut sich nicht, Schwächen zuzugeben. Susann dagegen ist sensibel, ängstlich, fast schon weinerlich. Beide haben massiv Angst, unsere Zuneigung und Wertschätzung zu verlieren. Ihre Rollenaufteilung funktioniert nicht mehr. Jeannett braucht Susann nicht mehr wie zu den Zeiten der Vernachlässigung zu beschützen und Susann hat das erste Mal in ihrem Leben Erwachsene, die sich um sie kümmern. Das stellt die Weltbilder der beiden total auf den Kopf.

Später werden wir die Folgen dieser Rollenveränderungen noch genauer kennen lernen. Sie sollen die ganze Zeit, während sie bei uns leben, enorm prägen. Wir werden erleben, wie jede der beiden um unsere Aufmerksamkeit, um unsere Zuwendung buhlen und kämpfen, wo es gar nichts zu kämpfen gibt. Aber sie kennen es nicht anders.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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