Die Mädchen ziehen ein

Selbst für uns Erwachsene ist ein Umzug immer etwas Besonderes, Aufregendes. Man verlässt einen Ort, an dem man vielleicht schon lange gelebt hat und man hängt noch lange an diesem Ort. Am neuen Wohnort muss man sich einleben, man weiß nicht, was auf einen zukommt. Auch mich beschleicht noch immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich dort vorbei fahre.

Wie viel beeindruckender muss es erst für unsere Mädchen sein, wenn sie nun auf Dauer bei uns wohnen sollen! Sie haben schon an vielen Orten gewohnt und alle sind von Erlebnissen bestimmt, die selten posititv waren. Die Gefühle der Vernachlässigung am Wohnort ihrer Eltern, die vielen traumatisierenden Situationen, dann die Aufnahme im Kinderheim, die Besuche bei ihren Eltern, die Traumatisierung durch die Straftat, die sie mit erlebt haben und jetzt der Umzug zu uns nach jahrelangem Leben in einer Gruppe im Kinderheim, in dem sie sich immer gegen andere durchsetzen mussten gegen andere und keine wirkliche Bezugsperson hatten.

Nun ist es so weit. Ich habe einen Pritschen-LKW gemietet, um ihre Habseligkeiten zu transportieren. Alles wird aufgeladen, die Kinder verabschieden sich herzlich von ihren Erziehern und den Gruppenmitgliedern.

„Selbst Achmet, der mich immer so geärgert hat, hat geheult“, wird Jeannett später bemerken. Es ist ein sanfter Übergang, die Kinder und wir kennen uns inzwischen gut und es ist wie die Vollendung eines langen Prozesses.

Ruth fährt mit den Kindern wie immer mit der Bahn nach Hause. Ich komme mit dem LKW an, wir entladen alles und die Kinder räumen alles in das für sie schon vorbereitete Zimmer ein. Wir haben Schränke und einen Schreibtisch gekauft. Die Tapeten sind noch die alten, der Teppich auch. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigen wird. Schon Frau Wehrmann, unsere Sachbearbeiterin im Jugendamt, hat uns dazu geraten, nicht alles zu erneuern. Hat sie schon etwas geahnt?

Wir haben uns entschieden, die beiden in einem Zimmer in einem Doppelstockbett gegenüber unserem Schlafzimmer unterzubringen. Wir hielten dies für sinnvoll, damit wir die Kontrolle haben und beide nicht gleich auseinandergerissen werden.

Der Abend verläuft wie immer: Abendessen, und dann das Zu-Bett-Geh-Ritual mit Singen und für Jeannett mit Einschlaftee. Die Alpträume bei Susann haben nachgelassen, sie schläft vor Jeannett ein, damit sie sich gegenseitig nicht stören. Es war eine gute Entscheidung, die Anbahnung länger zu gestalten; so kennen beide Kinder schon unser Haus und ihr Zimmer ist ihnen vertraut geworden. Ihre Spielsachen und ihre Kleidung, die meist neu ist, tun das Übrige zu der vertrauten Atmosphäre.

Für die Kinder war es ein geglückter Übergang. Für uns war es eine neue Situation, plötzlich drei Kinder zu haben. Sigrid, die ihr Zimmer im Obergeschoss hat und aber im September eine eigene Wohnung an ihrem Ausbildungsort beziehen wird, hat die beiden als ihre Schwestern akzeptiert. Auch Jeannett und Susann akzeptieren sie als die ältere Schwester, die natürlich schon für sich selbst entscheiden darf.

Ab jetzt haben wir die volle Last dessen mit zu tragen, was die Mädchen in ihrer frühesten Kindheit erlebt haben. Es ist so viel mehr als wir wissen und uns vorstellen können, das wird sich immer wieder zeigen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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