Der Sturz und die verlorene Mütze

Als Pflegeeltern in der Anbahnung möchte man sich von der Schokoladenseite zeigen. Alles ist perfekt, alles klappt, die Kinder sind hingebungsvoll und es gibt keine Zwischenfälle.

Jeannett und Susann sind wieder bei uns zu Besuch. Es ist ein weiterer schöner, sonniger Frühlingstag. Ruth und ich arbeiten im Garten und die Kinder spielen in unserer ruhigen Wohnstraße. Zwei Autos passen gerade aneinander vorbei, es gibt also keine Gefahr. Jeannett übt sich im Rollerskates-Fahren und Susann darf Sigrids altes Fahrrad ausprobieren.

Da plötzlich kommt Susann mit dem Fahrrad angeschossen. Sie gerät auf den Schotterstreifen am Rand. Der Lenker zittert, sie kann ihn nicht mehr halten. Sie stürzt auf die Seite und schlittert mit ihrem kurzen Kleidchen, das wir ihr gerade neu gekauft haben und ihrem linken Bein über den rauen Asphalt. Susann beginnt wie am Spieß gegrillt zu schreien. ich stürze aus der Eingangspforte, nehme sie auf den Arm und trage sie über die Terrasse ins Wohnzimmer. Sie hat Schürfwunden, das Knie blutet. Mein Puls erreicht 130.

Äußerlich bleibe ich ruhig. Ruth ist eben eingetroffen, begreift sofort. Ich suche etwas zum Desinfizieren, eine Wundsalbe und Pflaster zusammen. Susanns Schreie sind einem leisen Wimmern gewichen. Ich beuge mich zu ihrem Knie herunter, stille das Blut, desinfiziere die Wunde und behandle alles mit der Wundsalbe. Zum Schluss plaziere ich gekonnt ein Pflaster aufs Knie. Ich weiß: Das hat alles einen eher symbolischen Wert. Sie fühlt sich angenommen, ist der Mittelpunkt. Aber Susann lächelt leicht, als Ruth bemerkt:

„Alles nicht so schlimm, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut!“

Dann müssen wir uns auf machen, um die beiden wieder ins Heim zu bringen. Ein bisschen mulmig ist uns schon. Besonders, als uns im Zug auffällt, dass Susanns Mütze fehlt.

Susann ist ungewöhnlich zerknirscht. „Ich glaube, ich habe die Mütze verloren. Ich weiß nicht mehr, wo sie ist.“

Aber die Betreuer sehen alles sehr locker.

„Das kann schon passieren, ist nicht so schlimm. Und ein paar Mützen haben wir auch noch“, ist die unerwartete Reaktion.

Uns ist das alles sehr peinlich. Hoffentlich hält man uns nicht für unprofessionell. Haben wir unsere Aufsichtspflicht etwa versetzt? Und dass mitten in der Anbahnung? Sind wir schlechte Pflegeeltern? Wie wird das von den „Profis“ aufgenommen? Wir sind uns nicht sicher.

Auf dem Heimweg gehen wir alles noch einmal durch. Wir sind froh darüber, dass uns allem Anschein nach niemand einen Vorwurf macht. Noch wissen wir ja nicht, dass das Verlieren von Sachen und Unfälle bei Susann zum Alltag gehören. Noch kennen wir die Hintergründe nicht. Die Bedeutung werden wir erst später erfahren.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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