Fahrt mit der Bahn

Kinder, die im Heim leben, sind gut behütet und werden professionell betreut. Aber meist sehen sie nur ihre Umgebung. Manchmal gibt es Urlaubsreisen, die sind allerdings eher selten. Eine Fahrt mit der Bahn ist da schon ein Erlebnis.

Nachdem wir Jeannett und Susann nun schon einige Male besucht haben, setzt sich die Anbahnung auch mit Besuchen bei uns zuhause fort. Langsam zieht der Frühling ein und es ist mild. Das Heim ist dreißig Kilometer entfernt von unserem Wohnort und wir haben seit fast einem Jahrzehnt auf ein Auto verzichtet. Statt dessen fahren wir eine Stunde lang mit der Bahn.

Beide Mädchen sind voller Erwartung. Wir ziehen sie an und laufen zum Bahnhof. Beide tollen um uns herum. Dann kommt die Bahn und wir steigen ein. Susann schmiegt sich an Ruth und Jeannett blickt interessiert und mit wachen Augen aus dem Fenster. Sie liest jedes Bahnhofsschild bei jedem Halt und versucht sich die Reihenfolge zu merken. Am letzten Bahnhof liest Jeannett:

„Denkendorf! Ist das, wo ihr wohnt?“

„Wiee??? Deckeldorf???“, amüsiert sich Susann und alle lachen lauthals.

„Ja, hier wohnen wir“, bestätigt Ruth. Wir verlassen den Bahnhof und laufen durch das Wohngebiet, das aus großen Grundstücken mit gemütlichen, kleinen Häuschen besteht, durchsetzt von Wochenendgrundstücken. Der Weg vom Bahnhof ist besonders wichtig. Als wir vor unserem Haus angekommen sind, sehen wir die Mädchen leise staunen. Sie kennen nur das Heim und von früher den schäbigen, problembelasteten Kietz, in dem sie damals ihre ersten Lebensjahre verbracht haben.

Ruth macht Spaghetti mit Tomatensoße und alle langen kräftig zu. Es gibt Saft, vermischt mit Wasser aus dem Wassersprudler. Danach gibt es ein leckeres Eis.

Das Wetter ist schön. Die Terrassentür ist offen und während wir dort sitzen und einen Kaffee trinken, tollen die Mädchen im Garten herum und führen uns Tänze und kleine Theaterstückchen auf. Eine will die andere überbieten. Alles ist schön und harmonisch. Als ob sie schon immer bei uns waren.

So kommt denn die Zeit überraschend, als wir uns wieder auf zum Bahnhof machen müssen. Beide sind müde aber glücklich. Wieder prägt sich Jeannett die einzelnen Stationen ein und viele hat sie schon in der Reihenfolge behalten. Nach einer Stunde Fahrt landen wir wieder im Heim und die alte Welt hat unsere beiden wieder. Aber sie sind um eine Erfahrung reicher.

Das Schönste daran, Pflegekinder zu haben und bis zur Volljährigkeit zu begleiten ist es, zu beobachten, wie sie mehr und mehr Interesse an der Welt finden. Wie sie ihren Horizont erweitern und mit den anderen Kindern mithalten können. Wie sie die Welt verstehen lernen. Wie sie lernen, sich in Familienstrukturen einzufügen und davon zu profitieren. Wie sie zu wertvollen und akzeptierten Mitgliedern in dieser Gesellschaft heranwachsen.

Noch zeigt sich aber nicht, dass es ein Risiko ist, Geschwisterkinder aufzunehmen. Zwar hätten wir jetzt schon die Konkurrenz zwischen den beiden beobachten können und wie sie um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Aber wir sind zu verliebt in die beiden, um diese Anzeichen als ein Problem akzeptieren zu können. Wir sind erst einmal nur glücklich.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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