Alle für Susann

Welche Rolle spielt die Verwandtschaft der Pflegefamilie für ein Pflegekind? Wie stellen sich die Verwandten darauf ein, ein neues, fremdes Familienmitglied zu haben? Können sie es akzeptieren?

In unserem Falle ist Susann noch immer ein Teil unserer Verwandtschaft. Alle haben Jeannett vorbehaltlos angenommen. Sie haben unsere Erklärungen bereitwillig angenommen, wenn wir ihnen erklärt haben, dass sie nicht sind wie andere Kinder, wenn sie Dinge weggenommen haben, die eigentlich nicht ihre eigenen sind. Und noch jetzt ist Susann in Gedanken mit dabei.

Meine Schwägerin Sarah hat Geburtstag. Alle sitzen in Hameln um den Kaffeetisch. So auch Tante Erika, Ruths Tante. Sie ist weit über achtzig, rüstig und von liebenswerter Direktheit in ihren Äußerungen. Wenn sie die Wahrheit sagt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, holt sie sich schon mal eine blutige Nase in der Familie. Aber das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu sagen.

Tante Erika sitzt mir gegenüber.

Es platzt aus ihr heraus, direkt und unverblümt.

„Was machen wir denn nun mit unserer kleinen Hexe zu Weihnachten?“

Alles blickt verständnislos.

„Naja“, fügt sie erklärend hinzu, „ich meine Susann.“

Wir erklären, dass wir es nicht für gut halten, wenn Susann für die Festtage mit uns verbringt. Es gibt noch viel zu viele emotionale Betroffenheiten. Gerade Weihnachten ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt, wir wollen keine Situation provozieren, die darin endet, dass wir sagen müssen: Es geht noch nicht. Das wird verstanden und es bricht eine Diskussion los, ob man Susann Päckchen schicken könnte und wie man ihr zeigen kann, dass sie noch zur Familie gehört.

Es zerreißt mich innerlich. Ich muss den Raum verlassen, Tränen stehen mir in den Augen. Ich kann diesen Gegensatz nicht aushalten. Ich denke daran, was uns in dem anstehenden Hilfeplangespräch erwartet. Das Jugendamt und die Einrichtung arbeiten, wie sie es nennen, „professionell“, für sie ist Susann ein Fall unter vielen. Wenn die Einrichtung über Weihnachten schließen will, muss eine Beurlaubung her. Es geht nicht um den Sinn oder Unsinn einer pädagogischen Maßnahme. Schlimm, dass wir uns einmal mehr schuldig fühlen, als die jenigen, die den Kontakt zu Susann verweigern. Wir sind diejenigen, die Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung treffen. Wir müssen erkennen, dass gute Gründe für Jugendamt und Einrichtung nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Und dann das hier. Menschen, die sich Gedanken machen, die Susann längst verziehen haben, die sie im Kreis der Familie behalten. Für die sie, trotz ihrer vielen Unzulänglichkeiten, ein wertvoller Mensch ist, dem eben nur das Schicksal in frühester Kindheit übel mitgespielt hat.

Was für ein Gegensatz! Ich bin stolz auf meine Familie in diesem Augenblick. So muss Familie sein: Zusammenhalten, auch in schlechten Zeiten, verzeihend, ein Hort der Gemeinsamkeit, der die Basis für die Existenz ist, nicht Existenz gefährdend. Vielleicht zu viel Nähe für Susann und ein Beispiel dafür, wie es auch in ihrer Kindheit hätte sein können und müssen. Ich weiß: Das kann sie nicht aushalten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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